Wie Giorgia Meloni die italienische Rechte verkörpert
Bild: Giorgia Meloni am 13. Juni 2024 am Rande des G7-Treffens in Savelletri Di Fasano (Presidenza Del Consiglio / G7 Ital / IMAGO / ZUMA Press Wire)
Auf der internationalen Bühne ist Giorgia Meloni ihres neofaschistischen Hintergrundes zum Trotz längst akzeptiert, gar geachtet. Mal besucht sie als Teil einer europäischen Unterstützerkoalition für die Ukraine Donald Trump im Weißen Haus, mal empfängt sie Friedrich Merz und sein Kabinett zu deutsch-italienischen Regierungskonsultationen in Rom. Doch wie verhält es sich in Italien? Was prägt Melonis Politik?
Giorgia Meloni nennt sich »il presidente«, nicht »la presidente«, wie es eigentlich naheliegend und auch grammatisch korrekt wäre. Nein, »il presidente«. Sie ist der Chef, nicht die Chefin, der Leader, nicht die Leaderin. Noch nie hat es eine Frau so weit gebracht im Regierungsapparat, sie ist die erste Ministerpräsidentin der italienischen Geschichte überhaupt. Pardon, der erste weibliche Ministerpräsident. Giorgia Meloni besteht auf der männlichen Anrede – mit der Begründung, sie möge keine weiblichen Formen. Ihre Position ist so bemerkenswert, dass sich kurz nach ihrem Regierungsantritt im Herbst 2022 sogar die Accademia della Crusca, die Hüterin der italienischen Sprache, zu Wort meldete: »Bestimmte Titel mit weiblicher Endung zu benutzen, ist in jedem Falle berechtigt, und wer sie gebraucht, akzeptiert eine inzwischen weit vorangeschrittene historische Entwicklung«, ließ der Vorsitzende Claudio Marazzini verlauten: »Dennoch, wer die männlichen Formen vorzieht, hat ebenfalls das Recht, dies zu tun.«
Also: il presidente. Melonis politische Sozialisation ist männlich geprägt. 1977 in Rom geboren, trat sie mit 15 Jahren in die Jugendorganisation des Movimento Sociale Italiano (MSI) ein, das einzige Mädchen unter lauter jungen Männern. Von ehemaligen Mitgliedern des faschistischen Regimes 1946 gegründet, wollte der MSI die Erinnerung an den Faschismus lebendig halten und, so hieß es damals ausdrücklich, die Demokratie bekämpfen. Als Symbol diente eine lodernde Flamme auf einem Trapez. Das Trapez stand für das Grab des Diktators Benito Mussolini. Diese Flamme lodert noch heute auf dem Logo der Fratelli d’Italia, der Brüder Italiens. Giorgia Meloni hat in der mehrfach umbenannten und schließlich neu gegründeten Partei einen kometenhaften Aufstieg bewerkstelligt und genießt auch drei Jahre nach ihrer Wahl eine hohe Zustimmung: 46 Prozent der Italiener und Italienerinnen sind mit ihr zufrieden.
Durch die Anrede als »il presidente« will sie offenkundig die maskuline Macht ihres Amtes betonen. Aber mit Vornamen lässt sich Giorgia Meloni gern ansprechen, zumindest von ihren Fans. »Io sono Giorgia«, »Ich bin Giorgia«, lautete der Titel ihrer Autobiografie von 2021, mit der sie sich noch vor ihrer Wahl im Jahr darauf den Italienern empfahl.
Mutter, Italienerin, Christin
Die Formulierung stammte aus einer kämpferischen Rede, die sie am 19. Oktober 2019 auf der Piazza San Giovanni in Rom an der Seite ihrer Verbündeten Silvio Berlusconi und Matteo Salvini vor 200 000 Menschen hielt, angeblich aus dem Stegreif: »Jetzt geht es darum, dass sie die Bezeichnungen ›Vater‹ und ›Mutter‹ aus den offiziellen Dokumenten tilgen wollen. Denn die Familie ist der Feind, die nationale Identität ist der Feind, das Geschlecht ist der Feind, alles, was uns ausmacht, ist ihr Feind«, schaukelte sie sich nach etwa 15 Minuten ihrer Rede hoch und verfiel immer stärker in Geschrei. »Wir werden keine Wurzeln mehr haben, wir werden unfähig sein, unsere Rechte zu verteidigen. So geht ihr Spiel. Sie wollen, dass wir Elternteil eins, Elternteil zwei sind. Geschlecht LGBTQ, Bürger X, irgendwelche Codes. Aber wir sind keine Codes. Wir sind Menschen und werden unsere Identität verteidigen. Ich bin Giorgia! Ich bin eine Frau, ich bin eine Mutter, ich bin Italienerin, ich bin Christin! Das werdet Ihr mir nicht nehmen! Das werdet Ihr mir nicht nehmen!«
Dies war die Klimax der Rede, die vermutlich auf Melonis Spindoktor Tommaso Longobardi zurückgeht. Einprägsam, ein Slogan, wie er typisch für das Zeitalter von TikTok, Snapchat und Instagram ist. Giorgia wurde zum Pop-Phänomen, sehr zu ihrer Genugtuung, wie sie in ihrem Buch zugibt: »E MEM & J, zwei junge Mailänder DJs, hatten meine Worte mit einem Discobeat geremixt in der Absicht, den Inhalt auf den Kopf zu stellen und eine Satire daraus zu machen, sodass die Botschaft am Ende lächerlich wirken sollte«, schreibt sie in ihrer Autobiografie. »Aber es kam anders. Der Song war einfach zu gut, zu sehr zum Tanzen geeignet und zu mitreißend, obwohl er ja einen politischen Inhalt hatte. Kurz und gut, innerhalb weniger Wochen tauchte das Stück überall auf, man begann, in allen Clubs danach zu tanzen; es wurde sogar mit einer goldenen Schallplatte ausgezeichnet, wodurch auch noch mein geheimster Traum wahr wurde: Sängerin zu werden.«1 Wieder gibt sich Giorgia harmlos – und attestiert sich amüsiert die Eignung zum Popstar. Denselben Slogan verwendete sie am 11. Oktober 2021 in einer Rede vor der rechtsextremen spanischen Partei Vox in Madrid, wiederum schreiend. Der zweite Auftritt ist noch furchteinflößender. Hier zeigt Giorgia Meloni ihr wahres Gesicht, ihr früheres zumindest, das sie unter ihren Anhängern zur unangefochtenen Spitzenkandidatin machte. Jetzt ist es unter einer Maske verborgen: die Maske der nahbaren Giorgia, der Freundin, der mamma italiana, der kompetenten Ministerpräsidentin und der kühlen Strategin.
Zwölfeinhalb Millionen Mal wurde die italienische Discoversion in den ersten Tagen angeschaut. Das Spiel geht bis heute weiter, denn mittlerweile kursieren in regelmäßigen Abständen neu gemischte Ausschnitte des Songs, sowohl in der spanischen als auch in der italienischen Version, flankiert von Filmschnipseln der fotogenen Staatschefin: Giorgia ganz in Weiß, Giorgia mit seitlich geknöpfter roter Jacke, Giorgia im Hosenanzug, Giorgia im schulterfreien Abendkleid in Giftgrün, aus dem ihre Arme schneeweiß und makellos hervorschauen, Giorgia mit Locken, Giorgia mit glatten Haaren, Giorgia lachend, Giorgia tiefernst, Giorgia, wie sie souverän das Wort ergreift. »Giorgia Meloni, The Stylish and Fierce Leader« lautet der Titel dieses Videos. Es folgt ein Werbetext, der der italienischen Regierungschefin genau die richtige Mischung aus Strenge, Mut und Machtwillen attestiert. Sie verleihe Italien einen neuen Nationalstolz, heißt es weiter. Allein mit ihrer Zuwendung habe sie die Herzen von Millionen Italienern gewonnen, und eine Modeikone sei sie außerdem.
Die Kombination aus inszenierter engagierter Mutterschaft und Weiblichkeit verfängt.
Am 8. Dezember 2025, in Italien Mariä Empfängnis und ein Feiertag, postet sie auf Instagram ein Foto von sich und ihrer Tochter Ginevra – Giorgia Meloni sieht man im Halbprofil, das neunjährige Mädchen nur von hinten, beide mit langen Haaren, beide blond, beide in weißen Pullovern vor einem Tannenbaum, den sie mit weißen Kugeln behängen. »Auf dass es ein friedlicher und glücklicher Tag für Euch und Eure Familien sei«, lautet die Unterschrift. Familie, auch so ein Kernbegriff aus ihrem Programm. Dass sie selbst alleinerziehend ist, verstärkt die Sympathien nur noch, denn schließlich teilen viele Frauen dieses Schicksal. Die Kombination aus engagierter Mutterschaft, vermeintlicher Intimität und Weiblichkeit verfängt, erst recht in einem katholischen Land wie Italien. Da ist es wieder, das zweite Gesicht der Giorgia Meloni – eine Frau wie du und ich.
Gezielte Vernebelungsstrategien
Bevor Giorgia Meloni Mutter wurde und später ihre Partei Fratelli d’Italia gründete, war sie erst einmal selbst Tochter. In ihrer Autobiografie erzählt sie es so: »Ich verdanke alles meiner Mutter. Eine willensstarke Frau, gebildet, die unter dem Panzer, den sie angelegt hatte, um dem Leben entgegenzutreten, eine zerbrechliche Seele verbarg. Ihr verdanke ich die Liebe zu Büchern, die Neugier, den Stolz, die Fähigkeit, immer zurechtzukommen, die Hingabe an die Arbeit, das Gefühl der Freiheit, das Bedürfnis, immer die Wahrheit sagen zu müssen. Das alles hat sie mir beigebracht auf ihre schnörkellose Art und Weise«, hält Meloni pathetisch fest. Und fährt fort: »Und ein für alle Mal und vor allen Menschen möchte ich mich bei ihr bedanken. Denn vor allem anderen verdanke ich meiner Mutter mein Leben. Sicher kann man das von jeder Mutter sagen, aber bei meiner noch mehr. Denn die exakt richtige Formulierung ist: ›Ich verdanke alles nur meiner Mutter.‹«2
Ihre Mutter Anna Paratore stand nämlich bereits vor dem Krankenhaus, um einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen, entschied sich aber im letzten Moment dagegen. Davon hätte sie lieber nichts gewusst, gibt Meloni zu. Dass sie ihre Mutter mit Zähnen und Klauen verteidigt, statt sich ernsthaft mit der Hypothek, ein ungewolltes Kind zu sein, auseinanderzusetzen, entspricht natürlich dem Genre der Heldengeschichte, das die Autorin mit ihrer Autobiografie bedient. Der Vater Franco Meloni kommt in ihrem Buch schlecht weg: ein Windhund, der auf die Kanaren abgehauen sei und sich nie wieder habe blicken lassen. Als nach ihrem Regierungsantritt die spanische Presse herausfindet, dass der inzwischen verstorbene Restaurantbetreiber Franco Meloni wegen Drogenhandels zu neun Jahren Haft verurteilt worden war, reagiert sie pikiert. Prägend für ihre Kindheit seien ihr Großvater und sonst nur Frauen gewesen, betont sie immer wieder. Die Mutter Anna, überzeugte Anhängerin des neofaschistischen MSI und Verfasserin von Heftchenromanen, musste die Familie ernähren und war oft nicht ansprechbar. Aber es gab die anderthalb Jahre ältere Schwester Arianna, heute bei den Fratelli d'Italia zuständig für »Mitgliedschaften und politisches Sekretariat«: »Zusammen waren wir wie Dynamit. Bis zur Geburt meiner Tochter Ginevra war meine Schwester einfach die wichtigste Person in meinem Leben. Es gibt kein Geheimnis, das ich ihr nicht gestehen, keinen Rat, um den ich sie nicht bitten würde«, schwärmt Meloni.3 Und ein paar Seiten weiter: »Ich werde ihr nie genug für die Liebe danken können, die sie mir geschenkt hat, und für das Vorbild, das sie für mich immer schon gewesen ist. Weil sie, Arianna, der beste Mensch ist, dem ich auf der Welt je begegnet bin.«
Mit einem verarmten Vokabular wird das Instrumentarium des kritischen Denkens wirkungsvoll begrenzt.
Erneut kommt die weichherzige Giorgia zum Vorschein, die liebende Schwester. Es handelt sich um Inszenierungen und gezielte Vernebelungsstrategien. Wieder macht sich die Handschrift von Melonis Spindoktor Tommaso Longobardi bemerkbar, der, so wird kolportiert, auch ihr Ghostwriter war. Er ist eine zentrale Figur in ihrem Mitarbeiterstab, seit 2018 verantwortlich für sämtliche Social-Media-Kanäle und Giorgia Melonis Image – oder sogar der Erfinder ihres Images. Der mit allen Wassern des Internets gewaschene Wirtschaftspsychologe Longobardi, heute 34 Jahre alt, war bezeichnenderweise zuerst im IT-Bereich der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung aktiv – und hat eine außergewöhnliche Intuition. Am 1. Mai 2025 landete er einen Coup, als er Giorgia Meloni filmt, wie sie in weißer Bluse und schwarzer Weste im Palazzo Chigi umhergeht: Am Tag der Arbeit ist sie bei der Arbeit. Wer ihr zuschaut, betritt den Regierungssitz und wird von ihr durch zwei, drei prächtige Räume geführt, bis sie eine Tür öffnet, hinter der bereits ihre Regierung um einen runden Tisch versammelt ist. Sie setzt sich dazu, die Geschäfte können beginnen. So einen Einblick hatte noch nie jemand gewährt. Ein bisschen fühlt man sich allerdings an Benito Mussolini erinnert, der im Palazzo Venezia wie ein treusorgender Vater Tag und Nacht das Licht brennen ließ, um zu vermitteln, dass er rund um die Uhr für Italien da sei. Meloni, die italienische Mama, la mamma di tutti.
Sprache als Indikator des Ur-Faschismus
Um Inhalte geht es in Melonis kurzen Social-Media-Beiträgen nie. Und hier bewahrheitet sich, was der Zeichentheoretiker Umberto Eco bereits 1995 in einem Vortrag an der Columbia University den »Ewigen Faschismus« nannte: »Der italienische Faschismus besaß überhaupt keine Quintessenz, ja nicht einmal eine einzelne Essenz«, befand Eco. »Der italienische Faschismus war ein verschwommener Totalitarismus, verschwommen im Sinne von fuzzy. Er war keine monolithische Ideologie, sondern eher eine Collage aus verschiedenen politischen und philosophischen Ideen, ein Bienenkorb voller Widersprüche.«4 Umberto Eco stellte eine Liste von Merkmalen zusammen, die das charakterisieren, was er den Ur-Faschismus nannte. Dazu gehören Irrationalismus, die Ablehnung der Moderne, die Ablehnung von Kritik und vor allem der Einsatz von Populismus. Anders als in der Demokratie haben die Bürger keine individuellen Rechte. Es geht um das »Volksganze«. »Da jedoch eine große Zahl von Menschen keinen gemeinsamen Willen haben kann«, sagt er, »wirft sich der Führer zu ihrem Interpreten auf.«5 Ein Indikator des Ur-Faschismus sei immer auch die Sprache – die Reduktion auf einfache Formeln mit einem verarmten Vokabular und einer stark vereinfachten Syntax. Auf diese Weise könne man das Instrumentarium des kritischen Denkens wirkungsvoll begrenzen. Genau dies tut Meloni.
Schon Benito Mussolini besaß die Gabe, die Stimmung, die im Land herrschte, frühzeitig wahrzunehmen und sich ihr anzupassen. Oder wie es der Schriftsteller Antonio Scurati, Verfasser des fünfbändigen dokumentarischen Romans »M«, 2023 in seinem Essay »Faschismus und Populismus« ausdrückt: »Dieser Führer hat keinerlei Inhalt und will keinen haben, er ist ein hohler Mensch, ein leeres Gefäß, ein Apparat, der hocheffizient die taktische Hoheit über das Vakuum ausübt.«6 Man könne das Gefäß immer neu füllen und sich anpassen.
Auch dies klingt nach einer Beschreibung der italienischen Regierungschefin, denn ihre Prinzipien bleiben oft im Unklaren. Von dem Begründer des Faschismus Mussolini hat sich Giorgia Meloni mittlerweile distanziert. Am 9. Oktober 2021 lief eine Demonstration gegen die Coronamaßnahmen der Regierung Mario Draghis, organisiert von Exponenten der neofaschistischen Partei Forza Nuova, komplett aus dem Ruder. Eine Gruppe von Militanten durchbrach die Polizeisperre, drang in den Sitz der Gewerkschaft CGIL ein und verwüstete das Erdgeschoss – eine Aktion nach dem Muster des Sturms auf das US-Kapitol. Der Fraktionsvorsitzende der Fratelli d’Italia im Europaparlament, Carlo Fidanza, signalisierte Sympathien. Doch Giorgia Meloni stellte gegenüber der Nachrichtenagentur Adkronos klar: »Ich habe nie eine Vorliebe für den Faschismus besessen. Ohne Zweifel habe ich die Ideale der jungen Leute geteilt, die in der Nachkriegszeit auf der rechten Seite standen.« Und sie betont: »Bei den Fratelli d’Italia gibt es keinen Platz für Sehnsüchte nach Faschismus, Rassismus, Antisemitismus, Folklore oder sonst einen Unsinn.«
Weiblich, selbstironisch, jung: Das neue Image der Neofaschisten
Das war nicht immer so. Einige Jahre nach ihrem Eintritt in die sogenannte Jugendfront des damals eindeutig neofaschistischen MSI kandidierte sie 1996 für einen Spitzenplatz in der Studentenorganisation der Nachfolgepartei Alleanza Nazionale. Der französische Fernsehkanal »Soir 3« beobachtete den Wahlkampf und interviewte die damals braunhaarige junge Frau, die mit ihren großen Augen selbstbewusst in die Kamera schaute und in einem passablen Französisch verlauten ließ: »Ich glaube, dass Mussolini ein guter Politiker war. Alles, was er getan hat, tat er für Italien. Wir haben in den letzten fünfzig Jahren keinen Politiker wie ihn gehabt.«7 Mussolini, der Diktator, der in Abessinien einen der grausamsten Kolonialkriege anzettelte, mit blankem Terror die Opposition vernichtete, mit Hitler den Stahlpakt schloss, die Rassengesetze erließ, 1940 den Eintritt Italiens in den Krieg befahl, über eine halbe Million Italiener in den Tod schickte, in Schutt und Asche gelegte Städte verantwortete, ein guter Politiker? Auseinandergesetzt hat sich Meloni mit diesen Äußerungen nie. Auftritte enger Weggefährten bei neofaschistischen Gedenktagen werden hingenommen und nicht sanktioniert. Ihrer Karriere hat das nicht geschadet.
2004 wurde Meloni als Kandidatin für die Präsidentschaft der Jugendorganisation ihrer Partei aufgestellt – und gewann. Ihr Förderer und Unterstützer Fabio Rampelli, heute Vizepräsident der Abgeordnetenkammer, führt die Gründe an. »Ich habe sie anderen gegenüber, die durchaus weiter gewesen wären, vorgezogen, denn es ging darum, das Klischee der italienischen Rechten radikal zu durchbrechen, dem Typus aus der alten italienischen Rechten, also einschüchternd, mit kahlrasiertem Schädel, starker Kinnlinie, Schläger, Kinderfresser, Berserker, etwas entgegenzusetzen. Das war das Ziel«, gibt Rampelli zu. »Und wenn du eine Frau zum Chef machst, aus einer jungen Generation, mit blauen Augen, hübsch und selbstironisch, und ihr außerdem die Aufgabe überträgst, von jetzt an die rechte Jugendorganisation zu leiten, was besonders schwierig ist, weil das die waren, die sich sonst die Straßenschlachten lieferten, signalisiert das, dass man genau damit abgeschlossen hat.«8 Den neuen Repräsentanten der Neofaschisten ging es darum, wieder salonfähig zu werden, sich in eine akzeptable, normale Partei zu verwandeln.
Heute scheint Weiblichkeit dem Faschismus das Martialische zu nehmen.
Der Schlüssel zu Melonis Erfolg liegt also doch auch in ihrem Geschlecht, »il Presidente« hin oder her: ihr Aussehen, ihr Auftreten, ihr Körper. Auch das verbindet sie mit Benito Mussolini, dem ersten Politiker, der seinen Körper ganz bewusst als Botschaft einsetzte: als bulliger kahlgeschorener Kämpfer, mit vorgerecktem Kinn auf der Piazza Venezia, wenn er gebieterisch zu seinen Anhängern sprach, mit freiem Oberkörper am Strand, energiegeladen beim Ernteeinsatz mit schwingendem Dreschflegel, selbstverständlich auch hier ohne Hemd. Heute scheint Weiblichkeit dem Faschismus das Martialische zu nehmen, genau wie von Rampelli prophezeit.
Die Mama-Karte
Ein Motor, der Meloni antrieb, war zweifellos ihr Ehrgeiz. Dass ihre Kollegen sie häufig unterschätzten, war am Ende ein Vorteil. Giorgia Meloni passt sich mit einer Mischung aus Trotz und Biegsamkeit den Verhältnissen an. Silvio Berlusconi, der durch seinen populistischen Politikstil das Terrain für die Postfaschisten bereitet hat, machte sie 2008 zur Ministerin für Jugend und Sport – und lobte bei der Amtseinführung auf die gewohnt paternalistische Art ihren festen Händedruck. Dass Berlusconi in seiner fast zwanzig Jahre andauernden Regierungszeit einen Skandal an den anderen reihte, fortwährend Ex-Geliebte auf Ministerposten bugsierte und sich von einer minderjährigen Gespielin »Papi« nennen ließ – für Meloni alles nicht der Rede wert, keine Spur von weiblicher Solidarität. 2011 erklärt Giorgia Meloni in ihrem ersten Buch »Noi crediamo« (»Wir glauben«): »Das ist meine Variante von Feminismus: unsere Weiblichkeit zu verteidigen, stolz darauf zu sein, eine Frau zu sein, und uns bewusst zu sein, dass gerade unsere Besonderheit uns dazu befähigt, einen zusätzlichen Wert zu schaffen. Der Wert der Familie, der Mut zur Mutterschaft, die Verteidigung des Lebens, die soziale Solidarität: Das ist es, was Frauen einzigartig und unverzichtbar macht.«9
Doch so stolz sie auf ihr Geschlecht auch sein mag und in der Mutterschaft die wahre Bestimmung der Frau erkennt, Mutter war sie damals noch nicht. Mit Ende dreißig wird es aber Zeit. Ausgerechnet die Bemerkung eines Mannes, der ebenfalls mit einer politischen Karriere kokettierte und inoffizieller Bürgermeisterkandidat des Mitte-rechts-Bündnisses war, wird zum Auslöser eines klaren Bekenntnisses zum Beruf, Kinder hin oder her: Der Chef des Zivilschutzes, Guido Bertolaso, empfahl 2016 kurz nach Bekanntwerden von Melonis Schwangerschaft der Kollegin, sich jetzt um ihr Kind zu kümmern – »adesso la Meloni deve fare la mamma«.
Mama – ja, aber für wen? Dann doch lieber gleich von allen Italienern oder zumindest von allen Römern. Durch die Bemerkung Bertolasos war sie nun erst recht angestachelt. Meloni liefert in ihrer Autobiografie folgende Version: »Im Nachhinein bin ich überzeugt, dass Guido Bertolaso es gut gemeint hat, dass es allerdings schlecht rüberkam«, hält sie fest. »Damals machte mich das wirklich einfach nur wütend. In dem Bewusstsein, dass eine Schwangerschaft in meinem Alter ein gewisses Risiko barg, hatte ich ursprünglich erklärt, nicht mehr für die Bürgermeisterschaft kandidieren zu wollen, und mich von der Kandidatenliste zurückgezogen. Dann aber ließen sowohl diese absurde Aufforderung von Bertolaso, quasi mit dem Nuckelfläschchen vor dem Kinderhochstuhl zu Hause zu bleiben, als auch die etwas verworrenen Ereignisse bei den Vorwahlen mich meine Meinung ändern. Unbeabsichtigt war Bertolaso also ein großer Motivator gewesen.«10 Meloni ließ sich als Bürgermeisterkandidatin aufstellen. Sie verlor die Wahl, aber erhielt so viel Zuspruch, dass sie das Gefühl hatte, als Frau und Mutter gewonnen zu haben. Denn auch politische Gegnerinnen zollten ihr Respekt. Vielleicht war dies der Schlüsselmoment, Giorgia, la mamma italiana, war geboren. Denn seither spielt sie die Mama-Karte immer wieder aus. Obwohl Italien die niedrigste Geburtenrate von ganz Europa hat und diese 2025, also drei Jahre nach Melonis Regierungsantritt, auf ein historisches Tief von 1,13 Kindern pro Frau sank, steht Mutterschaft hoch im Kurs. Kinder genießen in Italien immer noch eine besondere Wertschätzung; die Familie ist die wichtigste Institution der Gesellschaft.
Obwohl Italien die niedrigste Geburtenrate von ganz Europa hat, steht Mutterschaft hoch im Kurs.
Dazu passen Melonis Termine am Muttertag. 2025 gratulierte sie auf ihrem YouTube-Kanal allen Müttern Italiens, den wahren Monumenten des Landes. Im Jahr davor nahm sie einen Termin bei der Sportjournalistin Diletta Leotta wahr, die eine populäre Sendung extra für Mütter moderiert. Mit rosa Wänden und türkisfarbenen Sesseln wirkt das Studio wie das Innere einer Bonbonniere, beide Frauen tragen weiße Blusen und einen Hosenanzug, Leotta in Beige, die Ministerpräsidentin, der Würde ihres Amtes entsprechend, in Schwarz mit einem stilisierten Schlips um den Hals. Sie sei die erste Frau des Staates und die erste Mutter an der Spitze des Landes, doch heute wolle man mamma Giorgia kennenlernen, kündigt Leotta sie an und bittet, den Gast duzen zu dürfen. Giorgia Meloni, perfekt geschminkt, gesteht es ihr zu. Und sie, die sich nur selten von Journalisten interviewen lässt, auf Kritik aggressiv reagiert und kaum Pressekonferenzen gibt, gewährt Einblicke in ihr Privatleben, plaudert mit ihrer tiefen Stimme aus dem Nähkästchen, erzählt von Klassenchats und anderen Müttern, die jederzeit zur Unterstützung bereit seien: »Mütter sind untereinander so solidarisch, wie es nicht einmal Veteranen an der Front sind«, stellt die Regierungschefin einen etwas schiefen Vergleich an – und beteuert: »Seit ich Mutter bin, denke ich, egal was passiert, nur noch als Mutter.«
»Dann hat dich die Mutterschaft zu einem besseren Menschen gemacht?«, fragt Leotta einschmeichelnd weiter, so als sei sie eine enge Vertraute der Ministerpräsidentin. Meloni wird philosophisch, zitiert Seneca und spricht darüber, dass man als Mutter der Zeit einen anderen Wert beimesse. Mutterschaft sei die höchste Form der Liebe. Am Ende würden doch nur Beziehungen und die Momente, in denen einem das Herz klopfe, zählen. Die Moderatorin hängt an ihren Lippen, himmelt sie an und stimmt ihr zu, gut 40 Minuten lang. Meloni schlägt ihren typischen pathostrunkenen Ton an und sagt: »Das schenkt dir Mutterschaft: Das Herz kann dir auch für die banalsten Dinge höherschlagen. Als ich einmal nach einem fürchterlichen Tag nach Hause kam und meine Tochter auf den Arm nahm – sie war damals vielleicht anderthalb –, schaute sie mich fast mitleidig an und streichelte mich dann. Ein kleines Kind. So als wollte sie mir sagen: ›Mama, mach dir keine Sorgen‹. Das hat mir eine der schönsten Emotionen geschenkt.«
Dass Giorgia Meloni inzwischen den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit ihrer Gefolgschaft besetzt hat, interessiert kaum jemanden.
Es sind solche, mit ihrem Presseteam vermutlich durchchoreografierten Momente, die die Ministerpräsidentin zu Giorgia machen. Giorgia, die tapfere Mutter, auch wenn sie kaum Zeit für ihre Tochter haben dürfte. Meloni hat eine theatrale Begabung – hier spielt sie die Freundin, mit der man Pferde stehlen kann. Selbstironisch kommentiert sie ihren Ehrgeiz. Verantwortungsvoll ist sie auch noch, man kann ihr also ohne Probleme die eigene Familie oder das ganze Land anvertrauen.
Sogar das Ausland scheint von ihrem Charisma verführt zu sein: Bei Donald Trump stößt sie auf große Sympathie, und die europäischen Kollegen preisen ihre Verlässlichkeit. Ihre Polemik gegen die EU hat Meloni eingestellt. Ihre Maßnahmen gegen die, wie sie es nennt, »Massenmigration« stoßen bei den europäischen Staatschefs auf Zustimmung und gelten sogar als Modell. Dass Meloni inzwischen den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk umgebaut und mit ihrer Gefolgschaft besetzt hat, interessiert kaum jemanden. Schriftsteller und Intellektuelle werden mit Klagen überzogen – Roberto Saviano musste sich wegen Verleumdung vor Gericht verantworten, ebenso der hochbetagte Philologe Luciano Canfora. Antonio Scurati wurde 2024 ein bereits eingeplanter Vortrag im Fernsehen zum italienischen Tag der Befreiung entzogen, weil er die faschistische Vorgeschichte der Fratelli d’Italia darlegen wollte.
Der Journalist und Ökonom Stefano Feltri klassifiziert Melonis Politik als Nationalkonservativismus, und tatsächlich spricht Meloni selten von ihrem Land, dem »paese«, sondern meistens von der »nazione«, der Nation. Große Reformen hat sie, anders als angekündigt, im Inland nicht vorangebracht. Das Gesundheitswesen steckt in der Krise, Schulen und Universitäten sind unterfinanziert. Durch eine strikte Austerität hat sie zumindest die Staatsverschuldung besser im Griff. Sie hält an tradierten Geschlechterrollen fest und bekämpft die Liberalisierung der Gesetzgebung für homosexuelle Elternpaare. Ihre Mama-Seite wirkt einschläfernd, beruhigend. Aber man sollte ihr genau zuhören.
Das wahre Gesicht von Giorgia Meloni
Im März 2025 legte sie vor dem Parlament Rechenschaft über den letzten EU-Gipfel ab – und begann, das »Manifest von Ventotene«11 auf skandalöse Weise zu verzerren, eines der berühmtesten Dokumente der italienischen Geschichte überhaupt. Heimlich auf Zigarettenpapier von internierten Antifaschisten unterschiedlichster Provenienz aufgeschrieben, handelt es sich um den visionären Entwurf eines föderalen Europas und gilt als Grundstein der Europäischen Union. Meloni riss Zitate aus dem Zusammenhang, missachtete den historischen Kontext und nannte es eine Hymne auf eine proletarische Diktatur – dies sei nicht ihre Vorstellung von Europa. Es kam zu tumultartigen Szenen, Meloni, in Weiß gekleidet, verließ kurzzeitig den Saal, die Sitzung wurde unterbrochen, die Vorsitzende des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD), Elly Schlein, antwortete auf X mit scharfer Kritik, und am Ende reagierte der PD-Abgeordnete Federico Fornaro auf Melonis Auslassungen. Vollkommen außer sich sprach er das Offensichtliche aus: Nur weil diese Männer Widerstand geleistet hatten, bekleide Meloni ihr Amt und könne vor diesem Parlament sprechen, aber mit einer Rede wie dieser beleidige sie das Hohe Haus und die italienische Demokratie. »Schämen Sie sich! Schämen Sie sich! In diesem Saal hat der Faschismus keinen Platz!« Meloni lächelte und tippte in ihr Telefon.
Die von Giorgia Meloni anvisierten Reformen sind beängstigend.
Hier zeigte sich das wahre Gesicht von Giorgia Meloni. La mamma? Nichts als Camouflage. Auch die von Giorgia Meloni anvisierten Reformen sind beängstigend. In diesem Jahr wird ein Referendum über eine vom Parlament bereits gebilligte große Justizreform stattfinden, die zum Einfallstor für politische Einflussnahme auf die Staatsanwaltschaft werden könnte. Die Exekutive hätte damit direkten Zugriff auf die Judikative. Bisher ist die italienische Justiz ein gesunder Bestandteil des Staates.
Ebenso einschneidend könnte Melonis Plan des »premierato« sein, ein Präsidialsystem, das die Direktwahl des Ministerpräsidenten erlauben würde. Von der Wirtschaftszeitung »Il sole 24 ore« am 18. Oktober 2025 nach ihren Plänen befragt, sagte Meloni: »Wo ich hinkommen will? Ich möchte die Ausrichtung der italienischen Politik verändern und dafür sorgen, dass, ganz unabhängig davon, wer im Palazzo Chigi regiert, eine größere Stabilität herrscht. Das ist unser Ziel, das wir mit der Präsidialreform verfolgen, die für mich immer noch die wesentliche Wirtschaftsreform ist, die ich dieser Nation schenken möchte und von der ich mir wünsche, dass die Italiener sie unterstützen, wenn sie zum Referendum aufgerufen werden.«
Durch die Legitimierung einer Führungsfigur würde der Wille des Volkes endlich wieder respektiert, verteidigte Meloni ihre Reformpläne am 9. Dezember 2025 in dem Fernsehsender »La Sette«. Was Meloni hier so uneigennützig zu vertreten scheint, wieder ganz mamma italiana, ist in Wirklichkeit ein Versuch, das Parlament zu schwächen. Dass die Bürger nur alle fünf Jahre mit ihrem Votum Einfluss nehmen könnten, verschweigt sie. Außerdem wären die Befugnisse des heute noch relativ mächtigen Staatspräsidenten, der als Garant der Verfassung gilt, stark eingeschränkt. Die Folge wäre ein massiver Umbau des Staates und die Aushöhlung einer Verfassung, die als eine der besten der Welt gilt.
Was Europa auszeichnet
So strikt Meloni ihre beunruhigende innenpolitische Agenda verfolgt, so pragmatisch gibt sie sich auf außenpolitischer Ebene. Mit Friedrich Merz will sie gar ein neues europäisches Doppelgespann bilden. Ihre vermeintlich exklusive Beziehung zum US-Präsidenten führte bisher kaum zu konkreten Ergebnissen: Weder beim Zollstreit noch mit Blick auf den Ukrainekrieg scheint sie bei Trump auf offene Ohren zu stoßen. Ein zunächst anberaumtes persönliches Treffen am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos wurde dann doch abgesagt.
Es war der Schriftsteller und Kriegskorrespondent Curzio Malaparte, eine schillernde Figur, der in seiner politischen Studie zur Technik des Staatsstreichs bereits 1931 feststellte: »Der Fehler der parlamentarischen Demokratien ist das übermäßige Vertrauen in die Errungenschaft der Freiheit. Nichts ist im modernen Europa schwächer.«12 Es bleibt zu hoffen, dass sich die Europäer nicht wie unmündige Kinder von vermeintlichen Müttern oder Vätern verführen lassen, sondern das verteidigen werden, was Europa heute auszeichnet.
Der Text basiert auf der Sendung des Deutschlandfunks »Essay und Diskurs« vom 25.1.2026: »Giorgia Meloni – la mamma italiana?«.
1 Giorgia Meloni, Ich bin Giorgia. Meine Wurzeln, meine Vorstellungen, München 2025, S. 8.
2 Ebd., S. 15.
3 Ebd., S. 20.
4 Umberto Eco, Der ewige Faschismus, München 2020, S. 24.
5 Ebd., S. 37.
6 Antonio Scurati, Faschismus und Populismus, Stuttgart 2024, S. 64.
7 Vgl. Cyrille Beyer, Giorgia Meloni en 1996: »Je crois que Mussolini était un bon politicien«, ina.fr, 1.9.2022.
8 Zit. nach Susanna Turco, Re Giorgia. Controstoria della donna che si è presa l’Italia, Mailand 2022, S. 58.
9 Zit. nach ebd., S. 120.
10 Ebd., S. 71.
11 Vgl. Daphne Weber, Für eine europäische Linke ohne Scheuklappen. Zur Aktualität des Manifests von Ventotene, in: »Blätter«, 7/2024, S. 103-110.
12 Curzio Malaparte, Tecnica del colpo di Stato, Mailand 2002, S. 85.