Ausgabe Dezember 2025

Antifeminismus und Pronatalismus: Bausteine für faschistische Biopolitiken

Skulpturen von schwangeren Körpern auf der Babymesse in Düsseldorf, 25.10.2025 (IMAGO / Oliver Langel)

Bild: Skulpturen von schwangeren Körpern auf der Babymesse in Düsseldorf, 25.10.2025 (IMAGO / Oliver Langel)

Das lettische Parlament beschloss Ende Oktober den Austritt aus der Istanbul-Konvention, der das Land erst 2024 beigetreten war. Die Konvention, die Gewalt gegen Frauen als Menschenrechtsverletzung ächtet, erkläre Geschlecht zum sozialen Konstrukt, was im Widerspruch zu den traditionellen lettischen Familienwerten stünde. Der Nationalrat der Slowakei entschied Ende September, wie in Ungarn die Zweigeschlechtlichkeit in der Verfassung zu verankern und die Rechte von Transpersonen und gleichgeschlechtlichen Paaren einzuschränken. Die Beschlüsse widersprechen EU-Recht und fordern dessen Unterordnung unter nationale Gesetzgebungen.

Diese Ereignisse stehen wie die Ablehnung der Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht Frauke Brosius-Gersdorf in Deutschland dafür, was in den USA Vibe Shift heißt: einen politischen Stimmungswandel. Dementsprechend werden sie von rechten, antifeministischen Netzwerken als Erfolge in ihrem Kulturkampf gefeiert. In diesen Kampagnen gelang es ihnen, die Themen Gender sowie sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung zu nutzen, um die politische Mitte weiter nach rechts auf illiberales Terrain zu ziehen, demokratische Verfahren auszuhebeln und eine autoritäre Agenda zur Kontrolle von Körpern zu stärken. Der inszenierte Kulturkampf um Gender und Familie mit seinen Varianten Abtreibung, LGBTIQ und Sexualerziehung bewährt sich vielerorts als Mittel der Provokation, Verunsicherung und Spaltung. Und überall, wo auf die „natürliche“ Geschlechterordnung und Familie rekurriert wird, da ist die Frage nach dem Kinderkriegen nicht weit. Deshalb hat dieser Kulturkampf als Teil einer globalen antifeministischen Strategie[1] immer stärker ein Pendant in einem neuen Pronatalismus.[2]

Treibende Kräfte sind weltweit militante „Lebensschutz“-Netzwerke wie CitizenGo und Tradition, Familie, Privateigentum (TFP): Einerseits liefern sie die Ideologie einer „natürlichen“ binären Geschlechterordnung und eines heteronormativen Familismus, andererseits bieten sie finanzielle Mittel. CitizenGo, das den erzwungenen Verzicht der angeblichen „Lebensfeindin“ Brosius-Gersdorf auf seiner Website bejubelte, verknüpft antifeministische und antiqueere Propaganda mit Angriffen auf die EU unter dem Banner des Kampfes gegen Wokeness und für Meinungsfreiheit (gemeint ist die der eigenen Leute). Im Bundestag lobbyiert CitizenGo bei der CDU/CSU gegen das Selbstbestimmungsgesetz. TFP und der 2023 gegründete Ableger Alliance for Responsible Citizenship (ARC) wiederum nennen ihre Aktivitäten gegen „Abtreibungs- und Homosexualitätsbefürworter“ einen „Kreuzzug“ zur Rettung der „christlichen Zivilisation“. Auf ihrer deutschen Website fordern sie die Streichung öffentlicher Mittel für die Heinrich-Böll-Stiftung wegen deren Diversitätsfreundlichkeit. Ihr Verständnis von Rettung zeigte die TFP-Mitgliedsorganisation Ordo Iuris in Polen durch die Einrichtung von LGBTIQ-freien Zonen. Angesichts der zunehmenden Durchschlagskraft des Antigenderkampfes in autoritär regierten Ländern (aber nicht nur dort) stellt sich zum einen die Frage nach der Vernetzung solcher Kräfte, zum anderen, ob sich dieser Antifeminismus, die Queerphobie und der erstarkende Pronatalismus zu Bausteinen für faschistische Biopolitiken verdichten.

In Europa hat sich die antifeministische und abtreibungsfeindliche Offensive mit dem Erstarken rechtsextremer Kräfte und autoritärer Regime ausgeweitet. Die beiden globalen Kongresse, die die ARC 2024 und 2025 in London organisierte, zeigen anschaulich die Verflechtung von Vertreter:innen extrem rechter Politik mit Repräsentant:innen aus Wirtschaft und Religion. Da trafen sich der Rechtspopulist Nigel Farage und der Hedgefondsmanager Paul Marshall, beides Brexit-Befürworter, dazu Donald Trumps Energieminister, der Frackingunternehmer Chris Wright, US-Vize-Präsident JD Vance und Techmilliardär Peter Thiel sowie prominente evangelikale Influencer:innen. Vance und Thiel haben 40 Mio. Dollar in die Gründung der christlichen Gebetsapp Hallow investiert, die zu einem zentralen Onlineforum des religiösen Rechtsextremismus geworden ist. Auf der NatalCon, einer pronatalistischen Konferenz im März in Texas, stießen zu diesen rechten Kräften noch biotechnologische Forscher:innen hinzu.

Als Sammlungsbewegung für ultrakonservative Politik, Zivilgesellschaft und Religionen fungiert in Europa auch der European Congress of Families, eine Tochter des World Congress of Families. Zudem richteten rechte Kräfte im Europaparlament, darunter die polnische PiS, die Schwedendemokraten und die Fratelli d’Italia von Giorgia Meloni 2023 und 2024 Kongresse in Dubrovnik aus, um „Familienwerte“ zurück nach Europa zu bringen und die „demographische Krise“ durch höhere Geburtenraten zu überwinden.

Über die Schlagkraft des religiösen Extremismus in Europa hat Neil Datta, Sekretär des Forums für sexuelle und reproduktive Rechte des Europaparlaments, eine Studie vorgelegt.[3] Demnach beruht diese Schlagkraft auf einer zunehmenden Professionalisierung und Transnationalisierung der Netzwerke, dem Auf- und Ausbau einer Lobby- und Advocacy-Infrastruktur, einem als jung, cool und fit wahrgenommenen Profil, vor allem aber auch auf einer komfortablen finanziellen Grundlage. Ihre Kampagnenmethoden folgen US-amerikanischen Vorbildern und reichen von Diffamierung und Fake News bis zum jährlichen „Marsch für das Leben“ und anderen Aktionen von Abtreibungsgegner:innen wie 40-tägige Gebete vor Abtreibungskliniken. Allerdings stehen in Europa nicht nur die USA, sondern auch Russland Modell für Aktionen. Zudem wird die Kombination von trans-, feminismus- und demokratiefeindlichen Kampagnen auch aus Moskau finanziert.

700 Mio. Dollar standen der europäischen Antigenderbewegung laut Datta zwischen 2009 und 2018 zur Verfügung, in den fünf folgenden Jahren wuchs dieser Betrag auf insgesamt 1,18 Mrd. Dollar an. Als die drei Hauptquellen der Finanzflüsse identifiziert er die christliche Rechte aus den USA, darunter das medial prominente Christian Broadcasting Network, Oligarchen- und Staatsgelder aus Russland sowie private Spenden aus Europa, aber auch öffentliche Mittel aus Ungarn und Polen. Mit den Geldern betreiben kirchenbasierte NGOs und Stiftungen eine politische Aufmerksamkeitsökonomie. Dazu gehören systematisches Lobbying im Europaparlament und den nationalen Parlamenten sowie Social Media- und Kampagnenarbeit. Erzkatholische, evangelikale und orthodoxe Organisationen und Stiftungen gründen Ableger in Europa und pumpen Millionen Dollar in deren Aufbau. So erhielt CitizenGo 2013 von dem Putin-nahen russischen Oligarchen Konstantin Malofejew ein Startgeld von 100 000 Dollar für die „effiziente Beeinflussung“ von europäischen Regierungen und internationalen Institutionen. 

USA: Genetische Selektion als Programm 

Trump legitimiert und entsäkularisiert seine Biopolitik mit christlichen Werten und der Rückkehr zu einer vermeintlich natürlichen Ordnung. Unter dem Slogan „eine Nation unter Gott“ richtete er Anfang 2024 im Weißen Haus ein Glaubensbüro ein, um „antichristliche Tendenzen“ zu bekämpfen. Schon seit der Revision der liberalen Abtreibungsregelung 2022 durch den konservativ dominierten Obersten Gerichtshof geht damit eine immer offensivere pronatalistische Politik einher. Trump propagiert „Vermehrung“ auch mit Reproduktionstechnologien vor allem für weiße Frauen, um so einem „alarmierenden“ Rückgang der Geburtenrate zu begegnen. Im Wahlkampf trat er nicht nur als Abtreibungsgegner auf, sondern nannte sich den „Vater der künstlichen Befruchtung“. Tatsächlich ist die Geburtenrate in den USA seit der Finanzkrise von 2009 auf 1,6 Geburten pro Frau gesunken, vor allem bekommen Paare oft kein zweites Kind mehr. Das liegt durchaus im Normalbereich westlicher Gesellschaften und erklärt sich vor allem aus den enorm gestiegenen Lebenshaltungs- und Ausbildungskosten. Klandestine Schwangerschaftsabbrüche sind seit dem in manchen Bundesstaaten erfolgten Verbot ein Luxus von Besserverdienenden, während für sozial schwache Frauen der Begriff Abtreibungsschulden die Runde macht. 

Trump teilt seine pronatalistische Orientierung mit Techmilliardären im Silicon Valley und seinem Gesundheitsminister Robert Kennedy. Dabei verleihen Reproduktionstechnologien, Gentechnik und KI der toxischen Mischung von Autoritarismus, Sexismus und Eugenik im neuen Pronatalismus eine Scheinneutralität. Elon Musk etwa glaubt als Vater von mindestens vierzehn, überwiegend männlichen Sprösslingen daran, dass die westliche Zivilisation nur gerettet werden könne, wenn „hochintelligente“ Leute sich vermehren. Er selbst will so viele Kinder wie möglich zeugen – meist durch künstliche Befruchtung. Seine Tech Bros aus dem Silicon Valley, Peter Thiel und Sam Altman, investieren in Biotechfirmen, die mit Reproduktionstechnologien, künstlichen Gebärmüttern und künstlichen Keimzellen experimentieren, um „Designerbabys“ herzustellen und die Reproduktion immer weniger der Natur zu überlassen. Wie Musk, Thiel und Altman hält auch das erfolgreiche Unternehmer- und Influencerpaar Malcolm und Simone Collins einen demographischen Rückgang für die größte Bedrohung der US-Gesellschaft. Das Paar bekommt mit Hilfe von KI und Gentechnik ein vermeintlich perfektes Baby nach dem anderen und sortiert schwache und behinderte Embryos mit Pränataldiagnostik aus. Die Collins haben in Südkorea, dem Land mit der weltweit niedrigsten Geburtenrate von 0,75 pro Frau, die Pronatalist Foundation gegründet. Sie will Familiengründungen und angebliche Elitekinder mit Hilfe von Retorten, Gentests und KI – für LGBTIQ-Personen mit Leihmutterschaft – planen und bietet außerdem ein Bildungsprogramm für Hochbegabte an. Genetische Selektion ist erklärtermaßen das Programm.

Selektive Verfahren und eugenische Steuerung passen in den USA perfekt zur MAHA-Agenda (Make America Healthy Again) von Gesundheitsminister Kennedy, der den Armen und Schwachen immer mehr Gesundheitsdienste vorenthält und sie für Krankheiten selbst verantwortlich macht. Gleichzeitig wurden im Zuge des Effizienzprogramms von Musks DOGE 86 Prozent der Mittel von USAID für Mutter-und-Kind-Gesundheit im Globalen Süden gestrichen und in den USA Stellen im Gesundheits- und Bildungsbereich abgebaut sowie Kinderbetreuung und medizinische Versorgung für geringverdienende Familien eingestampft. Wenn aber im Gesundheitssystem Zugang zu Abtreibung und Impfungen zu einer Klassenfrage werden, dann ist das nicht nur unsozial, sondern eugenisch.

Im Kontext eines weltweit wachsenden Nationalismus wird der Zweck der „Vermehrung“ instrumentell unterschiedlich definiert. So kennzeichnen Antifeminismus, Anti-LGBTIQ-Propaganda und ein Fokus auf Fortpflanzung die autoritäre Biopolitik in Russland. Zentrales Motiv ist derzeit der Krieg gegen die Ukraine, in dem Schätzungen zufolge mehr als eine Million russischer Soldaten schwer verwundet oder getötet wurden. In russischen Städten werden daher „Gebärt Soldaten“-Plakate aufgehängt.

Zudem nennt der Staat religiöse Gründe für seine Familienpolitik, die allerdings auch in einer antimigrantischen Haltung wurzelt und biorussische Familien mit drei Kindern fördern will. Dazu passt eine staatliche queerfeindliche Agenda. 2023 wurden regional Abtreibungsbeschränkungen eingeführt und wurde „Propaganda gegen das Kinderkriegen“ unter Strafe gestellt. 2025 boten zehn russische Regionen schwangeren Schülerinnen eine einmalige Babyprämie von umgerechnet 1000 Euro an und auch unverheiratete Soldatenpartnerinnen erhalten nun soziale Leistungen. Kinderreiche Familien bekommen einen „Orden elterlichen Ruhms“. Zugleich sollen Soldatenmütter, die seit den 1980er Jahren immer wieder gegen das Verheizen ihrer Söhne als Kanonenfutter protestieren, mit absurden Geschenken wie Fleischwölfen stillgestellt werden. Gegen Friedensdemonstrationen wie die öffentlich vorgetragenen Songs der jungen Petersburger Straßenmusikerin Naoko geht der Staat ebenso rigoros vor wie gegen LGBTIQ-Aktivist:innen wie die Künstlerin Yulia Tsvetkova. Sie werden als ausländische Agent:innen und Sicherheitsrisiko eingestuft und vor Gericht gestellt. 

Auch in Israel ist vor dem Hintergrund des Gazakriegs der Druck auf Frauen massiv angewachsen, mehr als zwei Kinder zu bekommen. Das Kinderkriegen wird zum Thema nationaler Sicherheit. Sogar ohne vorherige Zustimmung kann getöteten israelischen Soldaten Sperma entnommen und für künstliche Befruchtung genutzt werden.

China wiederum hat vor 15 Jahren eine autoritäre Wende von einer anti- zu einer pronatalistischen Politik vollzogen, um dem zunehmenden Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken. Peking legitimiert Maßnahmen zur Heirats- und Familienförderung mit der Überalterung und der Individualisierung der Gesellschaft, will aber eigentlich Quantität und Qualität der Bevölkerung als Mittel zum Zweck des Wirtschaftswachstums steuern. Dazu definiert die Führung das ökonomische Problem des Arbeitskräftemangels zu einem demographischen um. Allerdings verweigern sich immer mehr junge Frauen trotz Anreizsystemen, der Einschränkung von Abtreibungen und dem Verbot von Leihmutterschaft dem Hineinregieren in ihren Körper und ihre Reproduktion und leben stattdessen ihre sexuelle und reproduktive Freiheit aus.

Narrative der Eindeutigkeit: Tradwives und die Manosphere

Da scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die Klagen über mangelnde Fachkräfte in der Wirtschaft und Personalmangel bei der Bundeswehr auch in Deutschland Mehr-Kinder-Programme zur Folge haben. Eine sozial-selektive Dimension besteht schon heute beim pronatalistischen Elterngeld. Da es einkommensabhängig ist, profitieren Besserverdienende mehr, während es bei Bürgergeldempfänger:innen auf die Transferleistung angerechnet wird. 

In vielen europäischen Ländern wird schon jetzt das Kinderkriegen der weißen Biobevölkerung als Bollwerk gegen die Zuwanderung gehandelt. In diesem Kontext entstand 2023 im österreichischen Parlament ein absurder Parteienwettbewerb, bei dem eine direkte Korrelation zwischen einer nationalpatriotischen Abwehr von Migration und der Reproduktion unterstellt wurde: Vor dem Hintergrund einer sinkenden Geburtenrate wurden die Grünen beschuldigt, dass ihre Mitglieder lediglich eine Geburtenrate von 1,15 vorweisen können, während die ÖVP 2,05 aufwies und die FPÖ mit einem Spitzenwert von 2,4 auftrumpfte.

Insbesondere in der weißen Mittelschicht der USA manifestiert sich der Antifeminismus zudem seit über einem Jahrzehnt in einem Trend zur Geschlechterordnung und Frauenrolle der 1950er Jahre – was auf westeuropäische Gesellschaften ausstrahlt. „Gender Reveal Parties“ sind eine neue Mittelschichtspraxis, bei denen werdende Eltern das ärztlich attestierte Geschlecht des Fötus bekanntgeben und die binäre Geschlechterordnung mit viel pinkem und blauem Spektakel gefeiert wird. Das etabliert ein Narrativ der Eindeutigkeit in Zeiten der Uneindeutigkeiten. 

Dazu tritt eine Offensive des rechtsautoritären Kulturkampfs, die vor allem in den Sozialen Medien stattfindet, und zwar mit komplementären Agenden in der Womanosphere und der Manosphere. Protagonistinnen der Womanosphere sind ständig backende, perfekt gestylte „Tradwives“, die sich lieber ihrem Ehemann unterordnen, als selbst einem Job nachzugehen. Das deklarieren sie als Selbstbestimmung. Als Influencerinnen, die gut damit verdienen, gewinnen sie auch in Deutschland Einfluss. So sieht die frühere „Welt“-Redakteurin Hannah Lühmann in den Tradwives eine „Korrektur des Zeitgeistes“ und kritisiert, dass der Feminismus Selbstständigkeit falsch verstanden habe. Dabei ist diese Retraditionalisierung der Frauenrolle und der Geschlechterordnung auch stets nützlich, um wirtschaftliche und soziale Probleme zu dethematisieren. Allerdings bleibt sie auch unter Pronatalist:innen nicht unwidersprochen, da etliche von ihnen Karriere machen wollen. So war bemerkenswert, dass bei der oben erwähnten NatalCon in Texas eine Paarungsbörse mangels Frauen nicht stattfinden konnte.

Das Pendant zum gestylten Heimchen am Herd sind vermeintlich richtige Kerle mit einer brutalisierten frauenverachtenden Männlichkeit, wie sie Trump und der bekannte Influencer Andrew Tate demonstrieren. Beide leisten mit ihrem Chauvinismus Beiträge zur Manosphere, einer Online-Community mit Millionen Followern, die vor allem die Generation Z und bei Wahlen besonders junge Männer anspricht. Führend sind dabei Incel-Foren, wo sich Involuntary Celibates treffen, also unfreiwillig zölibatär lebende Männer, die Frauen hassen, weil sie sich zurückgewiesen und durch die Frauenemanzipation abgewertet fühlen. Coaching für Männlichkeit ist zu einer lukrativen Beratungsbranche geworden. Die Trainer empfehlen vor allem, die gefühlte Erniedrigung mit Härte, Muskel- und Machtbildung gegenüber Frauen zu kompensieren. Die britische Serie „Adolescence“ zeigt, wie solch aggressive Alpha- und Dominanzfantasien bei Jugendlichen eine wachsende Gewaltbereitschaft und sogar Gewalttaten gegen Frauen und Mädchen zur Folge haben können. Da sich in sexistischen Zirkeln auch oft Leugner des Klimawandels und Gegner einer Dekarbonisierung tummeln, kommt häufig eine Petromaskulinität hinzu, die ihre Stärke auf fossiler Energie und Motorisierung baut und mit Antifeminismus verschränkt.[4]

Generell führt die politische Abkehr von Diversität, Anerkennung und Menschenrechten dazu, dass die Kombination von Autoritarismus, Antifeminismus und Pronatalismus nationalistisch und eugenisch aufgeladen wird. Eine gefährliche Mischung – und äußerst nützlich für den Ausbau autoritärer Macht und eine alltagskulturelle Faschisierung.

[1] Vgl. Christa Wichterich, Die antifeministische Internationale, in: „Blätter“, 12/2019, S. 103-110.

[2] Pronatalismus, dt. Geburtenförderung, setzt sich in Abgrenzung zum Selbstbestimmungsrecht der Frauen für eine Steigerung der Geburtenraten vor allem in Bezug auf weiße, christliche Frauen ein.

[3] Neil Datta, The Next Wave: How Religious Extremism Is Regaining Power, epfweb.org, 25.9.2025.

[4] Cara New Daggett, Petromaskulinität. Fossile Energieträger und autoritäres Begehren, Berlin 2023.

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

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