Ausgabe Dezember 1993

Grenzerfahrungen

"Seid froh, daß ihr nicht hier seid, es ist nicht gut hier", umschreibt ein Insasse des "Berliner Abschiebungsgewahrsams" in der Kruppstraße die Bedingungen für die hier einsitzenden "Abschieber", wie sie im Polizeijargon heißen. Menschen unterschiedlicher Nationalität liegen Tag für Tag in als "Verwahrräume" verbrämten Zellen; vor den vergitterten Fenstern befindet sich eine weitere Gitterwand in einem Meter Abstand. Die Aufenthaltsräume sind ebenfalls mit mehreren Gitterwänden unterteilt, hinter zwei Gittern steht der TV-Apparat, die einzige aktuelle Informationsquelle für die derzeit rund 130 dort auf ihre Abschiebung wartenden Menschen.

Der Aufenthalt in der Kruppstraße dauert zwischen einer Woche und mehreren Monaten. Ein knappes Dutzend Menschen befindet sich seit mehr als 200 Tagen in Abschiebehaft. Bei ihnen handelt es sich um Flüchtlinge, die nach einem abgelehnten Asylantrag einen Folgeantrag gestellt haben - keine Straftäter. Die Häftlinge dürfen Besuch empfangen, 15-30 Minuten lang pro Tag in einem Verschlag, getrennt vom Besucher durch eine Glasscheibe - aus "Sicherheitsgründen", erfreut sich der Berliner Abschiebeknast doch seines Rufs als "drogenfrei".

Dezember 1993

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.