Ausgabe Januar 1993

Traurig

Ein Provinztheater ist an und für sich etwas Trauriges. Mit den großen Bühnen, die per Fernsehen ins Haus geliefert werden, kann es nicht konkurrieren, finanziell nicht und künstlerisch nicht. Hohe Kultur unter Menschen zu bringen, die aber, wenn überhaupt, nur die Spitzenleistungen konsumieren, ist ein frustrierendes Geschäft. In der DDR war das anders, da hatten die kleinen Bühnen eine gewisse Attraktivität, ein lokalsolidarisches Publikum und einen kleinen Freiraum, politisch und sozial. Mit der "Wende" hat auch diese tendenzielle Idylle ihre Daseinsmöglichkeit verloren. Die sächsischen, thüringischen und vorpommerschen Bühnen fallen der Tristesse anheim: Existenzangst und Legitimationsverlust kommen über sie wie schleichender Schnee, nicht einmal aufs SichWehren sind sie vorbereitet.

Andreas Dresens Film Stilles Land zeigt diesen gegenwärtigen Prozeß, der uns hier im Westen wie ein geschichtlicher vorkommt. Ein junger Regisseur inszeniert Becketts Warten auf Godot auf der Bühne, die sonst Wilhelm Tell und seine Artgenossen bevölkern. Weit weg in Berlin und tief in den Menschen geht gleichzeitig etwas vor sich: draußen die friedliche Revolution, nur im ständig versagenden Fernseher präsent, und innen die sie begleitende Krise, die sich bei den Proben in ständig wechselnden Konzeptionen und Zornausbrüchen entlädt.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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