Ausgabe November 1993

Piano, aber forte

Jane Campions preisgekrönter Film Das Piano erzählt die Geschichte einer Frau, die an einen Farmer nach Neuseeland verheiratet wird, den sie nie vorher gesehen hat. Ihren wichtigsten Besitz, ein Klavier, hat sie aus England mitgebracht, aber das will der Mann gar nicht erst bis zum Wohnhaus schleppen lassen. Einsam bleibt es am Strand stehen, wie Werner Herzogs Urwald-Opernhaus ein Symbol der Konfrontation zwischen Natur und dem kolonialen Überlegenheitsanspruch der europäischen Zivilisation.

Aber der stummen, von den Moralkonventionen benachteiligten Ada verleiht die Zivilisation in der neuen Umgebung Macht und Attraktivität. Ein Nachbar im Urwald, Maori-Mischling und Analphabet, beginnt sich für sie zu interessieren, kauft das Klavier und will sie spielen hören. Die Sexualität und die Liebe gehen aus einem Handel hervor, bei dem beide zunächst etwas anderes voneinander wollen: sie ist fasziniert von seiner Naturhaftigkeit, er von ihrem Klavierspiel. Die anschließende Dreiecksgeschichte hat zwei Schlüsse: Beim Umziehen vom grausamen Ehegatten, der ihr einen Finger mit dem Beil abschlug, zum Geliebten, der sie aus dem dunklen Milieu der Unterdrückung befreite, wird sie vom versenkten Klavier in die Tiefe gezogen - aber gerettet.

So kann die Harmonie im sauberen Landhaus siegen: Den verlorenen Finger ersetzt ein stählerner, und sprechen lehrt die Liebe sie auch.

November 1993

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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