Ausgabe November 1993

Zeichen der Exotik, Zeichen des Elends

Die Dritte Welt in der Werbung

Exotische Gegenwelten: die Lifestyle-Ästhetik moderner Kaufanreize

Die Dekonstruktion der großen Meta-Erzählungen, der politischen Heilsversprechen des 20. Jahrhunderts, haben die Ikonen und Mythen des werblich-industriellen Komplexes schadlos überstanden 1). Der Verlust politischer Utopien scheint den kommerziellen Illusionsproduzenten im Zeichen von Design-Kult und ästhetisierter Lebenshaltung sogar eine ungeahnte Konjunktur-Hausse gebracht zu haben: angesichts allgemeiner Sinnkrisen werden Werbeagenturen zu neuen Sinnproduzenten und ihre Sinnträger, Produkte und Firmennamen, optimal mit Symbolen kultureller Repräsentation aufgeladen. Unter den vielfältigen Diskursen der kommerziellen Werbung nimmt die Repräsentation der Dritten Welt einen immer breiteren Raum ein: sei es als Traumstrandkulisse exklusiv-kulinarischer Genüsse, als Vergegenwärtigung aufregender Abenteuerromantik, als Hintergrund humoresker Camel-Comics oder Inszenierung antirassistischer Toleranzaktionen in klassenübergreifenden Come-TogetherMythen. Die exotischen Traumlandschaften dienen als Flucht- und Wunschmotive zivilisationsmüder Weißer; angesichts zunehmender urbaner Anomie, Fremdbestimmung und räumlicher Enge in den hochindustrialisierten Zentren des Westens stillen sie den emotionalen Hunger nach authentischen Erfahrungen, Selbstbestimmung und räumlicher Weite.

November 1993

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe August 2020

In der Augustausgabe beleuchtet Masha Gessen die clanartigen Strukturen von Trumps Mafia-Staat. Michael Tomasky sieht den designierten Präsidentschaftskandidaten Joe Biden auf dem Weg nach links – und erkennt bei dem US-Demokraten gar rooseveltsche Ambitionen. Wieslaw Jurczenko analysiert die Ursachen des Wirecard-Desasters und damit das Totalversagen der deutschen Finanzaufsicht. Raul Zelik fordert, die Eigentumsverhältnisse wieder in den Blick zu nehmen, um so den Sozialismusbegriff wiederzubeleben. Und Klaus Vieweg befreit Hegel, der vor knapp 250 Jahren geboren wurde, vom Totalitarismusverdacht.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema