Ausgabe Februar 1994

Zur Schieflage der Nation

Marktpurismus, konzeptionelle Askese und neunzehn Wahlen

"und Zaubrer wachsen aus den Bodenlöchern, im Dunkeln schräg, die ein Gestirn beschwören"

(Georg Heym)

Die Stimmung ist schlecht. Ist sie schlechter als die Einschätzung der jeweils persönlichen Lage, spricht man von einer Angstlücke. Unübersehbar klafft uns diese Angstlücke aus den Befunden der Volksbefrager entgegen und sie wird medienwirksam vermarktet. "Deutschland braucht eine neue Aufbruchstimmung", erkennt Rudolf Scharping. "Deutschland ist eher von Abbruch- als von einer Aufbruchstimmung geprägt", befindet Peter Glotz. - Schnellebig ist diese Zeit, Kürzlich noch die Glückskinder des Kontinents, gesegnet mit der stärksten Wirtschaft, der härtesten Währung, endlich auch mit dem kaum noch erwarteten Geschenk der nationalen Einheit und der Fußballweltmeisterschaft zumal, finden wir uns jäh auf der Schattenseite wieder.

Wir haben die schlimmste Depression der Nachkriegsepoche am Hals. Zeitgleich kommt, so ist allenthalben zu lesen, eine schwelende tiefe Krise unserer Leistungsfähigkeit offen zum Ausbruch. Über dem Wirtschaftsstandort Deutschland erblicken geübte Propheten das Menetekel seines Verfalls: Die Kosten sind zu hoch, die Waren made in Germany zu teuer und der innovative Esprit hat sich verflüchtigt. Neue Konkurrenten aus Asien und Osteuropa verdrängen uns von den Märkten.

Februar 1994

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.

Drei Millionen ohne Abschluss: Was tun?

von Maike Rademaker

Die Zahl war lediglich einen Tag lang einige Schlagzeilen wert: Rund 2,9 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren hierzulande haben keinen Berufsabschluss. Maike Rademaker analysiert Gründe und Lösungsansätze.