Ausgabe Mai 1994

Das Dilemma der politischen Justiz

Exempel DDR-Bewältigung

Über das Verhältnis von Politik und Justiz gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen. Sie reichen von der These, daß die Justiz, jedenfalls auf bestimmten Gebieten, ein bloßes Instrument der Politik ohne jede selbständige Bedeutung sei, bis zu der Behauptung, die dritte Gewalt sei völlig unpolitisch und blicke unter rechtsstaatlichen Verhältnissen nie über die Augenbinde hinweg. Das bedeutendste wissenschaftliche Werk zu diesem Thema ist das Buch Otto Kirchheimers "Politische Justiz Verwendung juristischer Verfahrensmöglichkeiten zu politischen Zwecken".

Das Regime und seine Feinde

Für Kirchheimer wurzelt die politische Justiz in der Existenz von Feinden des gegebenen politischen Regimes. "Jedes politische Regime hat seine Feinde oder produziert sie zu gegebener Zeit." Damit bejaht Kirchheimer ausdrücklich die Existenz der politischen Justiz, die er nicht nur aus der Setzung des Rechts durch politische Organe ableitet, sondern auch aus der Funktion und Tätigkeit der Justiz selbst. Die Spezifik der politischen Justiz besteht nach Kirchheimer darin, daß sie politische Feinde des bestehenden Regimes nach Regeln eliminiert, die vorher festgelegt worden sind. Gerichte werden für politische Zwecke in Anspruch genommen, so daß das Feld politischen Handelns ausgeweitet und abgesichert werden kann.

Mai 1994

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Die Wehrpflicht gleicher Bürger

von Sven Altenburger

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat in Deutschland eine intensive Debatte über die Notwendigkeit einer Wehrpflicht ausgelöst. Dabei werden die ideengeschichtlichen Grundlagen der Wehrpflicht von ihren Gegnern regelmäßig verkannt, nämlich Republikanismus und Egalitarismus.

Frieden durch Recht

von Cinzia Sciuto

Am Anfang stand der 11. September 2001. Danach wurde die Lawine losgetreten: Ein langsamer, aber unaufhaltsamer Erdrutsch erfasste die internationale rechtliche und politische Ordnung. Ein Erdrutsch, der nach und nach die supranationalen Institutionen und die stets fragile, aber nie völlig illusorische Utopie einer friedlichen und auf dem Recht basierenden Weltordnung tief erschüttert hat