Ausgabe November 1994

Die Niederlage der Sieger

Wie man mit einer Stimme Mehrheit regieren kann, hat niemand der Republik besser demonstriert als Gründervater Adenauer persönlich. Und Willy Brandts sozial liberale Koalition wagte mit wenigen Mandaten Vorsprung, unter dem Sperrfeuer einer noch durch und durch hausherrlichen CDU/CSU, den Ausbruch aus der Hallsteinzeit. Wenn also Gerhard Schröder einer Koalition, der die Hochrechnungen gerade die Kanzlermehrheit bescheinigen (nämlich jene eine, auch für die niedersächsischen Sozialdemokraten bekanntlich machtentscheidende Stimme mehr) am Wahlabend vorhält, mit einer derart lächerlichen Mehrheit könne man doch nicht regieren wollen, ist das so durchsichtig wie politisch kulturlos. Mag die Gier nach dem Zipfel Macht, dem Mitregieren in Kohls Koalition, als "Realpolitik" durchgehen - der unterschwellige Appell an volksgemeinschaftliche Mehrheit=Einheit-Ideale wirkt angesichts der Differenzierungen im deutschen Parteiensystem ärgerlich regressiv.

November 1994

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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