Wie man mit einer Stimme Mehrheit regieren kann, hat niemand der Republik besser demonstriert als Gründervater Adenauer persönlich. Und Willy Brandts sozial liberale Koalition wagte mit wenigen Mandaten Vorsprung, unter dem Sperrfeuer einer noch durch und durch hausherrlichen CDU/CSU, den Ausbruch aus der Hallsteinzeit. Wenn also Gerhard Schröder einer Koalition, der die Hochrechnungen gerade die Kanzlermehrheit bescheinigen (nämlich jene eine, auch für die niedersächsischen Sozialdemokraten bekanntlich machtentscheidende Stimme mehr) am Wahlabend vorhält, mit einer derart lächerlichen Mehrheit könne man doch nicht regieren wollen, ist das so durchsichtig wie politisch kulturlos. Mag die Gier nach dem Zipfel Macht, dem Mitregieren in Kohls Koalition, als "Realpolitik" durchgehen - der unterschwellige Appell an volksgemeinschaftliche Mehrheit=Einheit-Ideale wirkt angesichts der Differenzierungen im deutschen Parteiensystem ärgerlich regressiv.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.