Ausgabe Juni 1995

Postmoderne Regierungslehre

Oder: Moral als Standortfaktor

Das Prinzip des Neuen, sagt Carl Schmitt, "wächst schweigend und im Dunkel, und in seinen ersten Anfängen würde ein Historiker und Soziologe wiederum nur Nichts erkennen."

1. Das Symptom

Völlig schweigsam und ganz im Dunkel ist es dieses Mal aber nicht abgegangen. Jedenfalls für Momente war ihm genügend Aufmerksamkeit sicher, jenem kaltschnäuzigen "Peanuts"-Ausrutscher des Deutsche Bank-Chefs Kopper. Weggewischt hat der Lapsus eine Milliarden-Pleite samt dem gewohnten Rattenschwanz geprellter Ehrenmänner; später wurde er gar zum "Unwort des Jahres" gekürt, weil ihm abzulesen sei, wie in solchen Kreisen gedacht würde: offensichtlich zählt für sie nichts als Geld, und die Geldmenge bestimmt den Gefühlsausbruch. Sollte diese Denkungsart schon länger unter uns gewesen sein, dann hat sie, um ihre Unmöglichkeit wohl wissend, wenigstens stillgehalten. Ja, nachdem der Brandstifter schon gezündelt hatte, ist ein Biedermann nochmals vors Publikum getreten, um den gesunden Menschenverstand besserer Tage anzupreisen: "Tugenden des ehrbaren Kaufmanns und Handwerkers: Präzision, Pünktlichkeit, Gewährleistung, Schadenersatz, eine hohe Zahlungsmoral" - dieser Moralkodex und nur er würden den deutschen Wohlstand sichern (Giersch 1994 b). Mit all dem hat die "Peanuts"-Welt nichts mehr gemein.

Juni 1995

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