Ausgabe August 1996

Indien am Scheideweg

Seit der Erlangung der Unabhängigkeit war der Nationalkongreß Indiens staatstragende und staatsgetragene Partei. Das Mehrheitswahlrecht kam dieser Partei stets zugute, weil linke und rechte Oppositionsparteien sich den Rang streitig machten und der Kongreßkandidat meist der lachende Dritte war. Ein Zweiparteiensystem bildete sich in Indien nicht aus, obwohl das Mehrheitswahlrecht es hätte begünstigen sollen. Nur einmal, im Jahre 1977, als Indira Gandhi von der vereinten Opposition geschlagen wurde, die in jedem Wahlkreis einen gemeinsamen Kandidaten aufgestellt hatte, kam es zu einer Art Zweiparteienkonfrontation.

Doch die Opposition hat diese Lektion bald wieder vergessen. Sie war zu zerstritten und hielt deshalb erneut wider Willen der Kongreßpartei den Steigbügel. Die ist aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen koalitionsfeindlich, denn die Entscheidung für einen Partner bedeutet eine Festlegung in einer Richtung, die schließlich doch zur Entwicklung eines Zweiparteiensystems führen müßte. Dies würde ihr die Chance nehmen, die Partei der Mitte zu bleiben, die von einer Polarisierung der Oppositionsparteien profitiert. Nach der dramatischen Niederlage von 1989 ging die Kongreßpartei, obwohl sie damals noch die stärkste Partei war, in die Opposition und überließ einer Minderheitsregierung die Macht.

August 1996

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Euphorie und Ernüchterung: Bangladesch nach dem Aufstand

von Natalie Mayroth, Dil Afrose Jahan

Im September fanden an der Universität Dhaka, einer der wichtigsten Hochschulen Bangladeschs, Wahlen zur Studentenvereinigung statt. Manche sehen sie als Testlauf für die nationalen Wahlen. Daher ist es ein Warnsignal, dass dort ausgerechnet der Studentenflügel der islamistischen Jamaat-e-Islami gewann.