Ausgabe Dezember 1996

Prag und die deutsche Dankesschuld

Wer das seit Monaten andauernde hiesige Gerangel um den deutschtschechischen Nachbarschaftsvertrag verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, als würde das Verhältnis zwischen beiden Ländern allein von den Ansprüchen sudetendeutscher Vertriebenen-Funktionäre und ihren Förderern aus der CSU bestimmt.

Doch ist die Politik - wenn man dies Gezerre noch so bezeichnen kann - zum Glück nicht die einzige Bühne, auf der sich das Leben der Völker abspielt. Die millionenfachen freundschaftlichen Begegnungen zwischen Deutschen und Tschechen, die seit Öffnung der Grenzen Jahr für Jahr auf Prager Straßen und Plätzen stattfinden, sprechen eine andere Sprache. Auf Schritt und Tritt werden die deutschen Besucher der goldenen Stadt mit den Traditionen einer Epoche konfrontiert, in der Deutsche und Tschechen eher miteinander als nebeneinander oder gar gegeneinander gelebt haben. Eine Epoche, in der sich jene fruchtbare Symbiose einer tschechisch-deutsch-jüdischen Kultur herausbildete, die viele Schriftsteller beider Nationalitäten als die "dreifache Seele" der Stadt bezeichneten und die unvergeßliche Werke europäischer Kultur geschaffen hat.

Dezember 1996

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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