Ausgabe Januar 1996

Atmende Fabrik, porenlose Produktion

"Zeit-Raffer" sind ja nicht nur die Unternehmer, wir alle sind es. Die Zeit, die uns die Industrie vorgibt, die Uhrenzeit nämlich, haben wir inzwischen als das herrschende und beherrschende Maß unseres Lebens, besonders aber unseres Arbeitens, akzeptiert. Wir meinen, daß dies jene Zeit sei, "auf die es ankommt". Die Folge: Überall nehmen Hetze und Hast zu, und das Gefühl, genügend Zeit zu haben, stellt sich immer seltener ein. Jeder Zeitgewinn wenn es denn wirklich einer ist und nicht nur der Schein davon wird sogleich wieder verbraucht. Der Kapitalismus ist inzwischen zur Weltreligion geworden und sein allererstes Gebot besteht in der Ermahnung: "Zeit ist Geld". So, wie ehemals die unterschiedlichsten Zeitmuster der Natur das kollektive Nicht-Bewußte beherrschten, dominiert heute das der Ökonomie und dessen Moral: "schnell ist gut, langsam ist schlecht". Wir haben dieses Zeitmuster inzwischen so gründlich zur Kenntnis genommen, und es ist uns wahrlich in Fleisch und Blut übergegangen, daß wir es nicht mehr als ein von Menschen gemachtes erkennen.

Und trotzdem muß immer weiter angetrieben werden: Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Herr Henkel, legitimiert die nächste Kurve in der Beschleunigungsspirale mit den Worten: "Im Innovationswettlauf zählt jeder Tag".

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe September 2020

In der September-Ausgabe erkennt der Philosoph und »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas im Wiederaufbauplan der EU – 30 Jahre nach der Zäsur von 1989/90 – eine zweite Chance für die innerdeutsche wie auch für die europäische Einheit. Die Literaturwissenschaftlerin Sarah Churchwell beleuchtet die langen Linien des amerikanischen Faschismus – vom Ku-Klux-Klan bis zu Donald Trump. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze plädiert angesichts des Handelskriegs zwischen China und den USA für eine neue globale Entspannungspolitik. Und die Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft portraitiert den Kampf der Frauen gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema