Ausgabe Januar 1996

Atmende Fabrik, porenlose Produktion

"Zeit-Raffer" sind ja nicht nur die Unternehmer, wir alle sind es. Die Zeit, die uns die Industrie vorgibt, die Uhrenzeit nämlich, haben wir inzwischen als das herrschende und beherrschende Maß unseres Lebens, besonders aber unseres Arbeitens, akzeptiert. Wir meinen, daß dies jene Zeit sei, "auf die es ankommt". Die Folge: Überall nehmen Hetze und Hast zu, und das Gefühl, genügend Zeit zu haben, stellt sich immer seltener ein. Jeder Zeitgewinn wenn es denn wirklich einer ist und nicht nur der Schein davon wird sogleich wieder verbraucht. Der Kapitalismus ist inzwischen zur Weltreligion geworden und sein allererstes Gebot besteht in der Ermahnung: "Zeit ist Geld". So, wie ehemals die unterschiedlichsten Zeitmuster der Natur das kollektive Nicht-Bewußte beherrschten, dominiert heute das der Ökonomie und dessen Moral: "schnell ist gut, langsam ist schlecht". Wir haben dieses Zeitmuster inzwischen so gründlich zur Kenntnis genommen, und es ist uns wahrlich in Fleisch und Blut übergegangen, daß wir es nicht mehr als ein von Menschen gemachtes erkennen.

Und trotzdem muß immer weiter angetrieben werden: Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Herr Henkel, legitimiert die nächste Kurve in der Beschleunigungsspirale mit den Worten: "Im Innovationswettlauf zählt jeder Tag".

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