Ausgabe Oktober 1996

Eliten, die keine sein wollten

Wenn ich lese, was heute unter dem Sammelbegriff "Vergangenheitsbewältigung" als DDR-Geschichtsdeutung angeboten wird, fällt es mir oft schwer, in diesem Puzzle die mir bekannte Vergangenheit zu erkennen. Andererseits zeigt sich, daß eine zu(ver)lässige Selbsterkenntnis, die die ganze historische Epoche in ihrem Werden und Vergehen umschließt, nicht weniger problematisch ist. Den Beteiligten fehlt vermutlich, was Freud "Lehranalyse" nennt. Zusätzliche innere Sperren sind nicht zuletzt einem gesellschaftlichen Klima zu verdanken, in dem aus unterschiedlichen Interessen die Ausgrenzung ehemaliger DDR-Eliten betrieben wird. Historische Erfahrung motiviert zu politischem Handeln, allerdings wird den Eliten der DDR jene geschichtliche Legitimation verwehrt. Ist es Absicht, im Verkennen des Charakters jener Vergangenheit den Holocaust und die Frage ins Abseits zu schieben, wieso eine vorangegangene Bevölkerung überwiegend ihre Nazidiktatur hingenommen hat? Das neue Deutschland DDR trat an, die Wiederbelebung des Faschismus zu unterdrücken, was derzeit gern ausgeblendet wird. Die Frage der Mittel stand damals nicht zur Debatte, der Kalte Krieg verhärtete die Fronten, aus führender Rolle der Partei wurde die Macht des auf Moskau orientierten Politbüros, die Staatsorgane ausführendes Instrument.

Oktober 1996

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fortschrittsfalle KI

von Roberto Simanowski

Unbemerkt von den meisten verschiebt sich die Macht vom Menschen zur Maschine. Erste Studien bezeugen: Der Mensch wird dümmer durch KI. Je mehr er sie als Hilfsmittel nutzt, umso geringer seine kognitive Aktivität und schließlich seine Fähigkeit zum kritischen Denken.

Drei Millionen ohne Abschluss: Was tun?

von Maike Rademaker

Die Zahl war lediglich einen Tag lang einige Schlagzeilen wert: Rund 2,9 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren hierzulande haben keinen Berufsabschluss. Maike Rademaker analysiert Gründe und Lösungsansätze.