Ausgabe Februar 1997

Im Winter einen Pullover ablehnen, weil es im Sommer warm war?

Ein kommunitaristischer Versuch, den Wohlfahrtsstaat neu zu definieren

Mitte Januar hat die Bundesregierung neue Vorschläge zur Absenkung des Rentenniveaus unterbreitet. Kranken und leistungsgeminderten Arbeitnehmern soll mit dem Hinweis darauf, daß sie ja noch etwas dazu verdienen könnten, die Rente auf die Hälfte gekürzt werden. Die Bonner Rotstiftspezialisten könnten sich dabei auf Amitai Etzioni berufen. Der Sozialphilosoph ist der Meinung, daß es die Würde der Bedürftigen fördert, wenn sie selbst etwas zu ihrem Wohl beitragen und die Gemeinschaft entlasten. Auch Bill Clinton hat sich, als er im vergangenen Jahr die Sozialhilfe drastisch reduzierte und damit die Tradition des New Deal beendete, auf diesen Vordenker der Kommunitaristen, der den US-Präsidenten beraten hatte, gestützt. Kein Wunder, daß die Gedanken Etzionis hierzulande vor allem in konservativen Kreisen freudig aufgenommen werden. Erstaunlich dagegen mag erscheinen, daß sich unlängst in der Gemeinsinn-Debatte unter anderem Rudolf Scharping engagiert hat - seines Zeichens Fraktionsvorsitzender einer Partei, die im Rufe steht, mit ihrer kompletten sozialstaatlichen Tradition per se gegen die kommunitaristischen Ansätze zur "Umverteilung der Verantwortung" zu stehen.

Februar 1997

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.