Ausgabe März 1997

Fenster zur Welt

Man sagt, daß männliche Jugendliche in ihrer Entwicklung eine Phase durchmachen, in der bestimmte Berufsbilder eine große Rolle spielen, Lokomotivführer, Pilot oder Kapitän. Diese Wünsche werden derzeit im Fernsehen bis zu einem gewissen Grad erfüllt. Wer nachts nicht schlafen kann, hat die Möglichkeit, sich an den Fahrerplatz einer IC-Lok versetzen zu lassen, um etwas zu erleben, was Reisenden sonst verwehrt bleibt: Der Blick auf die Gleise nach vorn, das aufregende Abenteuer des Gleitens durch Landschaft und Vorstädte, und zwar nicht in der parallelen Kamerafahrt wie bei der Sicht aus dem Abteilfenster, sondern das Erlebnis, im virtuellen Zoom, des auf einen direkt zukommenden, von Blick quasi aufgesaugten Raums.

Es sind solche Bilder nicht nur die medial fingierte Erfüllung eines Kindertraums, sondern ein ganz neues Programmsegment, das neuerdings nachts immer öder, zur Überbrückung des Lochs zwischen Abend- und Morgenprogramm im Fernsehen zu sehen ist und beim ZDF unter dem offenbar ironischen Titel STRASSENFEGER läuft. Hatten die ersten dieser Ausflüge in den ereignislosen Alltag noch eine touristische Konnotation - Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands -, so traten an die Stelle der Lokomotive bald andere Verkehrsmittel: die Straßenbahn, das Auto.

März 1997

Sie haben etwa 33% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 67% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juli 2020

In der Juli-Ausgabe beleuchten der Historiker Ibram X. Kendi und die Soziologin Keeanga-Yamahtta Taylor die lange Tradition rassistischer Gewalt in den USA – und zeigen Wege aus dem amerikanischen Albtraum auf. Der Soziologe Gary Younge und der Journalist Marvin Oppong richten den Blick auf den Rassismus und die Polizeigewalt in Europa. Der Journalist Michael Pollan legt die brutale Effizienz der Lebensmittelindustrie offen – die uns alle buchstäblich krank macht. Und »Blätter«-Redakteur Albrecht von Lucke analysiert den steilen Aufstieg Markus Söders inmitten der Coronakrise - und dessen Chancen, nächster Bundeskanzler zu werden.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Ein Jahr der Erkenntnisse

von Blätter-Redaktion

Für den deutschen Journalismus war 2019 ein annus horribilis. Zunächst bescherte die Affäre um den ehemaligen „Spiegel“-Reporter Claas Relotius den Medien einen weiteren erheblichen Glaubwürdigkeitsverlust.