Ausgabe Oktober 1997

Princess of Salvation

Zuerst sah es nach medialen Turbulenzen aus. Nachdem die Sensationspresse das Objekt ihrer (und ihrer Kunden) Begierde einmal nicht nur gejagt, sondern versehentlich auch zur Strecke gebracht hatte, wurden in London Pressefotografen von den Endverbrauchern ihrer Bilder verprügelt. Zum Glück gab es bald Entlastung. Die ersten Berichte glichen Tableaus, in denen jeder auf einen anderen zeigt und "Der war's!" ruft. Der Bruder zeigt auf die Presse, die Presse auf die "Paparazzi" (das Wort kennen wir jetzt alle), die seriöse Presse auf die Sensationsblätter, die wiederum unverzagt die seriösen als gute Abnehmer solcher Fotos outet. Bis dann einer das erlösende: "Wir sind alle schuld" zu Papier bringt. Die britischen "tabloids" wissen, worauf Verlaß ist. Auf die Unfähigkeit der Royals zu erfolgreicher massendemokratischer Selbstpräsentation allemal. Die hatte auch zuvor den Stoff für das Lady-Di-Spektakel geliefert. Hinter der Schlagzeile "Warum schweigt die Queen?" lauert der Verdacht, die Royals hätten das Ende der Skandale womöglich mit klammheimlicher Freude quittiert. Das bewiese einmal mehr massendemokratische Naivität. Durch eine lebende Skandalnudel kann die Monarchie nur gewinnen, aber gegen den Mythos einer toten kommt sie nicht an.

Oktober 1997

Sie haben etwa 30% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 70% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe August 2020

In der Augustausgabe beleuchtet Masha Gessen die clanartigen Strukturen von Trumps Mafia-Staat. Michael Tomasky sieht den designierten Präsidentschaftskandidaten Joe Biden auf dem Weg nach links – und erkennt bei dem US-Demokraten gar rooseveltsche Ambitionen. Wieslaw Jurczenko analysiert die Ursachen des Wirecard-Desasters und damit das Totalversagen der deutschen Finanzaufsicht. Raul Zelik fordert, die Eigentumsverhältnisse wieder in den Blick zu nehmen, um so den Sozialismusbegriff wiederzubeleben. Und Klaus Vieweg befreit Hegel, der vor knapp 250 Jahren geboren wurde, vom Totalitarismusverdacht.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Ein Jahr der Erkenntnisse

von Blätter-Redaktion

Für den deutschen Journalismus war 2019 ein annus horribilis. Zunächst bescherte die Affäre um den ehemaligen „Spiegel“-Reporter Claas Relotius den Medien einen weiteren erheblichen Glaubwürdigkeitsverlust.