Ausgabe Dezember 1998

Arbeit am Neuen Menschen

Den Kuß noch auf den Lippen eilt die junge Frau an den Schalter, von den Lippen wird ein Abstrich genommen, und kurz darauf erhält sie einen Stapel Papier mit schier endlosen Buchstaben- und Zahlenkolonnen, die Aufschluß über die Erbanlagen des Küssenden geben. Die genetische Analyse und nicht Amors Pfeil entscheidet nüchtern über Partnerschaft und Fortpflanzung. Rechtzeitig zum zehnjährigen Bestehen des Human Genome Project (HGP) eröffnete im Sommer diesen Jahres der Film "GATTACA" den Blick auf eine kühle (Anti-)Vision in einer vielleicht nicht mehr ganz so fernen Zukunft.

Im Zuge der gegenwärtigen Begeisterung für die Bio- und Gentechnologie als "arbeitsplatzschaffende Schlüssel- und Querschnittstechnologie" wird auch von großen Teilen der Politik die Gentherapie als Hoffnungsträgerin einer neuen Medizin präsentiert und es verblüfft kaum, daß die Forschung daran kräftig gefördert und propagiert wird. Geschickt wird dabei der Umstand ausgenutzt, daß die Bevölkerung ein ambivalentes Verhältnis zur Gen- und Biotechnologie hat. Während beispielsweise die "grüne" Gentechnik in der Landwirtschaft deutlich skeptisch und ablehnend beurteilt wird, erhält die "rote" Gentechnik in der Medizin durchaus gute Noten.

Dezember 1998

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe November 2020

In der November-Ausgabe analysieren die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, wie eine Politik der Feindschaft zunehmend die US-amerikanische Demokratie zersetzt. Der Journalist George Packer sieht – mit Blick auf die US-Präsidentschaftswahl am 3. November – eine letzte Chance, Amerika neu zu erschaffen. Der Ökonom James K. Galbraith plädiert in Zeiten der Krise für eine Rückbesinnung auf den Rooseveltschen New Deal. „Blätter“-Redakteur Daniel Leisegang warnt vor einem digitalen Kalten Krieg zwischen den USA und China. Und die Politikwissenschaftlerin Melanie Müller beleuchtet den doppelten Kampf Südafrikas gegen Corona und Korruption.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Die Schicksalswahl oder: Trumps Kampf gegen das Recht

von Albrecht von Lucke

Es wäre vermessen, von der Wahl am 3. November als der wichtigsten in der US-Geschichte zu sprechen, denn das würde die Rolle großer US-Präsidenten, ohne die die amerikanische, aber auch die Weltgeschichte anders verlaufen wäre, zu Unrecht minimieren. Doch eines steht fest: Der kommende Urnengang ist der wichtigste dieses Jahrzehnts, ja vermutlich sogar dieses noch immer jungen Jahrhunderts.