Ausgabe Dezember 1998

Von Börne zur Berliner Republik: Was in Deutschland fehlt

I

"Von Börne zur Berliner Republik" - was fehlt in Deutschland? Vorweg: Was n i c h t fehlt. Dies ist das freieste, friedlichste und freundlichste Deutschland, das es je gab. Vor hundert Jahren, mitten im Wilhelminismus, hätte das niemand sagen - und vor fünfzig Jahren, nach dem Hitlerismus, niemand voraussagen können. Noch beindruckender als das legendäre Wirtschaftswunder war das unglaubliche Demokratie-Wunder, das in seinem Schatten herangewachsen ist. Trotz Arbeitslosigkeit und rechter Krawalleure ist dies heute nicht nur die stabilste deutsche Demokratie, sondern auch die liberalste. Ich bin davon überzeugt, daß mir sogar Ludwig Börne zustimmen würde, der seinerzeit notiert hat: "Zu wünschen wäre [hierzulande] die Errichtung einer Höflichkeitssektion auf dem Polizeibureau." Die Herren und Damen Polizisten sind inzwischen sehr viel höflicher geworden als in meiner Kindheit, jedenfalls höflicher als heute so mancher Verkäufer, und das ist der beste Gradmesser einer freien Gesellschaft. Die Deutschen gehen längst auch bei rot über die Straße, und das ist ebenfalls beruhigend. Außerdem: Es gibt nur zwei Hauptstädte, in denen fast jedes Staatsgeheimnis nur bis zum Andruck der nächsten Zeitung hält: Washington und Bonn.

Dezember 1998

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Alternativen zum Geist der Ausbeutung

von Mariana Mazzucato

Während das Weltwirtschaftsforum in Davos unter dem Motto »A Spirit of Dialogue« (Ein Geist des Dialogs) tagt, haben die USA die Kontrolle über die Ölinfrastruktur Venezuelas übernommen und eine »unbefristete« amerikanische Verwaltung der Erdölreserven des Landes eingerichtet.