Ausgabe Dezember 1998

Von Börne zur Berliner Republik: Was in Deutschland fehlt

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"Von Börne zur Berliner Republik" - was fehlt in Deutschland? Vorweg: Was n i c h t fehlt. Dies ist das freieste, friedlichste und freundlichste Deutschland, das es je gab. Vor hundert Jahren, mitten im Wilhelminismus, hätte das niemand sagen - und vor fünfzig Jahren, nach dem Hitlerismus, niemand voraussagen können. Noch beindruckender als das legendäre Wirtschaftswunder war das unglaubliche Demokratie-Wunder, das in seinem Schatten herangewachsen ist. Trotz Arbeitslosigkeit und rechter Krawalleure ist dies heute nicht nur die stabilste deutsche Demokratie, sondern auch die liberalste. Ich bin davon überzeugt, daß mir sogar Ludwig Börne zustimmen würde, der seinerzeit notiert hat: "Zu wünschen wäre [hierzulande] die Errichtung einer Höflichkeitssektion auf dem Polizeibureau." Die Herren und Damen Polizisten sind inzwischen sehr viel höflicher geworden als in meiner Kindheit, jedenfalls höflicher als heute so mancher Verkäufer, und das ist der beste Gradmesser einer freien Gesellschaft. Die Deutschen gehen längst auch bei rot über die Straße, und das ist ebenfalls beruhigend. Außerdem: Es gibt nur zwei Hauptstädte, in denen fast jedes Staatsgeheimnis nur bis zum Andruck der nächsten Zeitung hält: Washington und Bonn.

Dezember 1998

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