Ausgabe Juni 1998

Unverkürzte Demokratie, ungeteilter Frieden

Demokratie in Deutschland, gleich in welcher Epoche, ist immer ein schwieriges Unterfangen gewesen. Nicht allein die Niederlagen der Demokraten wiegen schwer, auch ihre Siege blieben problematisch, weil sie aus Niederlagen geboren wurden - zuletzt aus der bedingungslosen Kapitulation des 8. Mai 1945, aus der Befreiung von außen. Und noch eines kommt hinzu: Demokratie in Deutschland stand immer im Schatten des Krieges. Um militärischer Wunschträume, expansionistischer oder revisionistischer Ansprüche willen wurde sie aufs Spiel gesetzt, eingeschnürt oder vollends liquidiert. Die Demokratiegründung der Bundesrepublik beansprucht, nach der verheerenden Katastrophe des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur einen Bruch mit dieser unseligen deutschen Tradition des Antidemokratismus und des Expansionismus vollzogen zu haben.

Zu der Orientierung an den europäischen Maximen eines bürgerlichen parlamentarischen Verfassungsstaates trat die Selbstverpflichtung des Gründungskonsenses dieser Republik, daß von deutschem Boden kein Krieg mehr ausgehen darf. Demokratie und Frieden, das sollten die Leitmotive der Bonner Republik sein. Wir alle wissen, daß diese beiden Ansprüche schon im Gründungsakt und in den folgenden Jahrzehnten verletzt, unterhöhlt und umgebogen wurden.

Juni 1998

Sie haben etwa 23% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 77% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Demokratie

Vom Einsturz zum Aufbruch: Die Protestbewegung in Serbien

von Krsto Lazarević

Rund 110 000 Menschen füllen am 1. November die Fläche vor dem Hauptbahnhof in Novi Sad, um der Opfer zu gedenken, die ein Jahr zuvor unter dem einstürzenden Vordach starben. Für die seit Monaten Protestierenden steht der Einsturz nicht für ein bauliches, sondern für ein politisches und gesellschaftliches Versagen: ein sichtbares Symbol für Korruption und ein zunehmend autokratisches System.

Keine Tugend ohne Tatkraft

von Philipp Lepenies

2026 jährt sich die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten zum 250. Mal. Sie ist neben der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 das wohl wichtigste Dokument der politischen Moderne. Mit der Herrschaft von Donald Trump stellt sich die Frage, ob die Demokratie in den USA noch gesichert ist.