Ausgabe Oktober 1998

Suhartos explosives Erbe

Indonesien unter den Trümmern der Neuen Ordnung

Mit Suhartos Rücktritt ging eine Ära zu Ende. Doch wer da hoffte, damit sei der politische und wirtschaftliche Befreiungsschlag bereits geschafft, sieht sich zunehmend enttäuscht und beunruhigt. Niemand vermag gegenwärtig zu sagen, ob ein friedlicher Neubeginn mit parlamentarischen Spielregeln gelingen wird, oder ob das Land in Anarchie und Chaos versinkt. Indonesien steht wieder einmal an einem Scheideweg seiner Geschichte. Zur Hinterlassenschaft des Suharto-Regimes gehört ein explosives Gemisch aus dramatisch zunehmender Verarmung ganz unten und Streitigkeiten um die Machtfolge ganz oben, gehört aber auch die Herrschaft der Militärs. Fast jeden Tag werden in Indonesien neue Fälle von Menschenrechtsverletzung, Unterdrückung, Vertuschung von brutalem Vorgehen der Armee während der Suharto-Ära bekannt: in Nordsumatra (Aceh) Massengräber - die indonesische Presse gebraucht das von Kambodscha her berüchtigte Wort "Killing Fields" -, politische Morde in Irian Jaya und Ost-Timor. An den Massenvergewaltigungen im Mai 1998 waren Soldaten beteiligt - offenkundig organisiert und in befohlener Aktion. Immerhin, was in früheren Jahren tabuisiert wurde, wird nun beim Namen genannt. Ein tiefgreifender politischer Wandel läßt sich zwar noch nicht erkennen, aber die öffentliche Diskussion hat eine Qualität erreicht, die die Gesellschaft verändern wird.

Oktober 1998

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Euphorie und Ernüchterung: Bangladesch nach dem Aufstand

von Natalie Mayroth, Dil Afrose Jahan

Im September fanden an der Universität Dhaka, einer der wichtigsten Hochschulen Bangladeschs, Wahlen zur Studentenvereinigung statt. Manche sehen sie als Testlauf für die nationalen Wahlen. Daher ist es ein Warnsignal, dass dort ausgerechnet der Studentenflügel der islamistischen Jamaat-e-Islami gewann.