Ausgabe Oktober 1998

Warum Clinton zurücktreten sollte

Der ehrenvolle Weg für Präsident Clinton wäre, jetzt zurückzutreten. Aber ich erwarte nicht, daß er das tut. Denn ich kann mir keine Amtsaufgabe ohne eine Woge der öffentlichen Entrüstung und der Rücktrittsforderungen vorstellen - und ich glaube kaum, daß es dazu kommt. Nichtsdestotrotz: Clintons Rückzug könnte dem öffentlichen Leben Amerikas wieder einen Begriff davon vermitteln, wie man sich ehrenhaft verhält. Der Präsident hätte damit seine Doppeldeutigkeiten, Ausflüchte und Lügen durch einen nachhaltigen Akt moralischer Verantwortlichkeit ersetzt. Er erhöbe einen unanfechtbaren Anspruch auf öffentlichen Respekt. Er erwürbe das Recht, von der Geschichte als die seriöse Person behandelt zu werden, die er immer sein wollte und die, wie er in der Fernsehansprache an jenem 17. August 1998 erklärte, ihr Handeln verantwortet.

Clintons Rücktritt könnte Washington von der ansteckenden Krankheit befreien, die ansonsten während seiner verbleibenden Amtsjahre das öffentliche Leben mit Verrohung und Korrumpierung bedroht. Er würde der Washingtoner Obsession mit präsidialen Skandalen, die derzeit politische Entscheidungen und Initiativen blockiert und den Spott des Auslandes auf sich zieht, ein Ende bereiten.

Oktober 1998

Sie haben etwa 21% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 79% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.