Die Fehlrezeption großer Theorien scheint den Charakter des Zwangsläufigen anzunehmen. Was Jürgen Habermas' Philosophie angeht, so ist bereits an manche wissenschaftliche Rezension in einschlägigen Fachzeitschriften die Frage zu richten, ob der Rezensent den Autor eigentlich hatte verstehen wollen oder nur bemüht war, seine versammelten Vorverurteilungen zu Papier zu bringen. Noch verzeichneter erscheint das Bild dieser Philosophie in ansonsten anspruchsvollen Feuilletons und in Publikationen, die dem wissenschaftlich gebildeten Nichtphilosophen einen "Einblick" in Habermas' Philosophie und Gesellschaftstheorie anbieten. Auf diese letztere Perspektive sollen die folgenden Bemerkungen sich beschränken. Wenn hier Habermas' Philosophie gegen verbreitete Mißverständnisse (und böse Unterstellungen) verteidigt wird, so sei zur Präzisierung gesagt, daß im folgenden nicht konkrete Stellungnahmen zu aktuellen oder mittelfristigen politischen und gesellschaftspolitischen Fragen Gegenstand der Erörterung sind. Letztere wurden - übrigens nach Habermas' eigenem Verständnis 1) - nicht aus gerechtigkeitsexpertokratischer Perspektive vorgetragen, derart, daß aus den Höhen der diskurstheoretischen Moralphilosophie einzig richtige Normen für den öffentlichen Vernunftgebrauch einer demokratischen Gesellschaft deduziert würden.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.