Ausgabe November 1999

Lafontaines Dilemma

Konnte die Öffentlichkeit bereits den tiefgreifenden politischen Bruch, den Oskar Lafontaines Rücktritt am 11. März diesen Jahres markierte, nicht anders als mit personalisierenden Denkschablonen bewältigen, so ist sie sich im Verlust kritischer Urteilskraft seitdem treu geblieben. Die "Frankfurter Rundschau", um nur ein herausragendes Beispiel zu nennen, sieht in allem nur "eine lange Saga um Rivalität, Verrat und Rache". Nach dem Erscheinen von "Das Herz schlägt links" (bzw. des Vorabdrucks) wird Lafontaine vollends zum verbissenen Egomanen gestempelt, der aus persönlicher Geltungssucht eine über hundertjährige Partei und eine der mächtigsten Regierungen unserer Zeit stürzen wolle.

Interessant ist allerdings, daß der solcherart persönlich Denunzierte selbst in einer personalisierenden Geschichtsbetrachtung gefangen scheint. Seine Mitstreiter beurteilt der Autor vor allem nach ihren individuellen Charakteren, danach, ob sie handwerklich gute Partei- oder Staatsfunktionäre sind. Was weitgehend ausbleibt, ist eine Einordnung der Personen in politische Zeitströmungen. Das Fehlen einer geschichtlichen Einordnung des SPD-Parteilebens der 80er und 90er Jahre, der Verzicht auf eine politische Analyse bundesrepublikanischer Politik und vor diesem Hintergrunde des Handelns und Denkens führender Akteure ist frappierend.

November 1999

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.