Ausgabe November 1999

Lafontaines Dilemma

Konnte die Öffentlichkeit bereits den tiefgreifenden politischen Bruch, den Oskar Lafontaines Rücktritt am 11. März diesen Jahres markierte, nicht anders als mit personalisierenden Denkschablonen bewältigen, so ist sie sich im Verlust kritischer Urteilskraft seitdem treu geblieben. Die "Frankfurter Rundschau", um nur ein herausragendes Beispiel zu nennen, sieht in allem nur "eine lange Saga um Rivalität, Verrat und Rache". Nach dem Erscheinen von "Das Herz schlägt links" (bzw. des Vorabdrucks) wird Lafontaine vollends zum verbissenen Egomanen gestempelt, der aus persönlicher Geltungssucht eine über hundertjährige Partei und eine der mächtigsten Regierungen unserer Zeit stürzen wolle.

Interessant ist allerdings, daß der solcherart persönlich Denunzierte selbst in einer personalisierenden Geschichtsbetrachtung gefangen scheint. Seine Mitstreiter beurteilt der Autor vor allem nach ihren individuellen Charakteren, danach, ob sie handwerklich gute Partei- oder Staatsfunktionäre sind. Was weitgehend ausbleibt, ist eine Einordnung der Personen in politische Zeitströmungen. Das Fehlen einer geschichtlichen Einordnung des SPD-Parteilebens der 80er und 90er Jahre, der Verzicht auf eine politische Analyse bundesrepublikanischer Politik und vor diesem Hintergrunde des Handelns und Denkens führender Akteure ist frappierend.

November 1999

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fortschrittsfalle KI

von Roberto Simanowski

Unbemerkt von den meisten verschiebt sich die Macht vom Menschen zur Maschine. Erste Studien bezeugen: Der Mensch wird dümmer durch KI. Je mehr er sie als Hilfsmittel nutzt, umso geringer seine kognitive Aktivität und schließlich seine Fähigkeit zum kritischen Denken.