Ausgabe November 1999

Staatsmann unter Kleingeistern

Seit Monaten dasselbe Bild. Die Grünen sinken tief und tiefer in der Wählergunst und die Demoskopen verkünden voller Überraschung: "Trotz der schlechten Noten für die Grünen steht Außenminister Joschka Fischer ganz oben in der Beliebtheitsrangliste." Welcher Streit auch immer im grünen Hühnerhaufen tobt, eines ist gewiß: Joschka Fischer geht gestärkt daraus hervor. Die Medien sind begeistert. Ein Phänomen, dieser Mann! Dabei ist das Prinzip immer dasselbe. Fischers Aktien steigen nicht trotz, sondern wegen des grünen Desasters. Und auch die Dramaturgie verläuft stets nach dem gleichen Muster. Ein gramvoller Joschka Fischer nimmt den Kampf mit den Windmühlenflügeln seiner Partei auf. Seine Botschaft ist schlicht und lautet: Normale Partei werden, normale Strukturen. So bereits im März '99 in Erfurt, als der leidgeplagte Außenminister sich wieder einmal anschickte, es mit den unprofessionellen Parteistrukturen aufzunehmen. Und wieder war der grüne Kindergarten gar zu uneinsichtig. Joschkas Kurse stiegen, obwohl der Mißerfolg primär seiner eigenen Medienpolitik zuzuschreiben war. Und genauso hätte es am Wochenende der Sachsenwahl funktionieren können, als sich der "alte Jagdhund" (Fischer über Fischer) 1) einmal mehr an seine Sisyphus-Arbeit, genannt Parteireform, begab.

November 1999

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