Ausgabe April 2000

Großer Bruder, kleine Brüder

Das Leben von normalen Menschen sei "viel interessanter als das von Schauspielern", behauptet der Redakteur des Senders RTL2 und meint natürlich das von Schauspielern simulierte Leben in Fernsehspielen und -serien. In Big Brother, der neuen "Fernseh-Sensation", werden zehn Leute in einer Containerwohnung isoliert gehalten und Tag und Nacht von unsichtbaren oder sichtbaren Kameras gefilmt. Jede Woche muß einer oder eine das Haus verlassen, wer, das bestimmt die Gruppe selbst in heimlichen "Nominierungen", bestätigt durch ein angeschlossenes Zuschauer-Votum. Abgeschnitten sind sie überdies von jeglicher Kommunikation nach außen (außer zur Redaktion des Senders): kein Telefon, kein Fernsehen.

Aber die freiwillig Eingeschlossenen unterwerfen sich nicht der Kontrolle durch eine diktatorische Herrschaft, wie in Orwells Roman 1984, aus dem der Name der Sendung stammt. Sie offenbaren ihr Leben bis zu intimen Situationen einer marktähnlichen Medien-Öffentlichkeit vielmehr mit der Hoffnung auf eine Chance, ins Showgeschäft einzusteigen. Insofern erinnert die Versuchsanordnung an Auswahlmethoden bei Bewerbungen, durch die ermittelt werden soll, ob auch die richtige Einstellung, der Wille zur "Herausforderung" vorhanden ist, was als Voraussetzung gilt für den Erfolg auf dem überfüllten Markt der Sonnenseiten-Lebensläufe.

Sie haben etwa 29% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 71% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juli 2020

In der Juli-Ausgabe beleuchten der Historiker Ibram X. Kendi und die Soziologin Keeanga-Yamahtta Taylor die lange Tradition rassistischer Gewalt in den USA – und zeigen Wege aus dem amerikanischen Albtraum auf. Der Soziologe Gary Younge und der Journalist Marvin Oppong richten den Blick auf den Rassismus und die Polizeigewalt in Europa. Der Journalist Michael Pollan legt die brutale Effizienz der Lebensmittelindustrie offen – die uns alle buchstäblich krank macht. Und »Blätter«-Redakteur Albrecht von Lucke analysiert den steilen Aufstieg Markus Söders inmitten der Coronakrise - und dessen Chancen, nächster Bundeskanzler zu werden.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Ein Jahr der Erkenntnisse

von Blätter-Redaktion

Für den deutschen Journalismus war 2019 ein annus horribilis. Zunächst bescherte die Affäre um den ehemaligen „Spiegel“-Reporter Claas Relotius den Medien einen weiteren erheblichen Glaubwürdigkeitsverlust.