Ausgabe Juni 2001

Montenegros Kurssturz

Ein Montenegriner und ein Serbe holten zusammen einen Goldfisch aus dem Meer, der sogleich seine körperliche Unversehrtheit gegen die Erfüllung von drei Wünschen eintauschen wollte. Während sich der kleinstaatlerisch gesinnte Montenegriner die völkerrechtliche Anerkennung für sein Land sowie den Bau einer chinesischen Mauer an den Grenzen zum serbischen Brudervolk wünschte, erkundigte der Serbe sich erst einmal nach der Machbarkeit dieser zwei Projekte. Als der Fisch versicherte, er könne auch die ausgefallensten Wünsche verwirklichen und der Montenegriner dürfe voller Zuversicht in die eigenstaatliche Zukunft schauen, da verlangte der sichtlich zufriedene Serbe nur noch ein kleines Bier. Diese und ähnliche politische Sottisen aus Belgrad widerspiegeln die dort verbreitete Einstellung gegenüber dem offenbar nie enden wollenden Gezerre um die Selbständigkeit der adriatischen Zwergrepublik. Die Parlamentswahlen am 22. April haben eher für weitere Verlegenheit gesorgt, da Präsident Milo Djukanovic lediglich einen Pyrrhussieg erzielte. Seine Koalition mit dem beflügelnden Namen „Der Sieg gehört Montenegro“ gewann 36 von 77 Sitzen im Parlament, während der Hauptgegner – eine Koalition mit dem nicht minder enthusiasmierenden Namen „Gemeinsam für Jugoslawien“ 33 Mandate verbuchte – weit mehr als erwartet, aber zu wenig, um eine wirkliche Wende herbeizuführen.

Sie haben etwa 13% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 87% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Europa

Ukraine: Zwischen Korruption und Diktatfrieden

von Yelizaveta Landenberger

Anfang Dezember herrschte rege Pendeldiplomatie, während die Bombardierung ukrainischer Städte und die russischen Vorstöße an der Front unvermindert weitergingen. Völlig unklar ist, ob der im November bekannt gewordene US-»Friedensplan« auch nur zu einem Waffenstillstand führen kann.

Vom Einsturz zum Aufbruch: Die Protestbewegung in Serbien

von Krsto Lazarević

Rund 110 000 Menschen füllen am 1. November die Fläche vor dem Hauptbahnhof in Novi Sad, um der Opfer zu gedenken, die ein Jahr zuvor unter dem einstürzenden Vordach starben. Für die seit Monaten Protestierenden steht der Einsturz nicht für ein bauliches, sondern für ein politisches und gesellschaftliches Versagen: ein sichtbares Symbol für Korruption und ein zunehmend autokratisches System.

Der Kampf um Grönland: Versöhnung als Geopolitik

von Ebbe Volquardsen

Die Stadt Karlsruhe könnte schon bald vor einem Dilemma stehen. Im Januar 2025 zeichnete sie ihren langjährigen Stadtvertreter Tom Høyem (FDP) mit der Ehrenmedaille aus. In den 1980er Jahren war der gebürtige Däne, mittlerweile auch deutscher Staatsbürger, Dänemarks letzter Minister für Grönland – ein Amt aus der Kolonialzeit.