Ein Montenegriner und ein Serbe holten zusammen einen Goldfisch aus dem Meer, der sogleich seine körperliche Unversehrtheit gegen die Erfüllung von drei Wünschen eintauschen wollte. Während sich der kleinstaatlerisch gesinnte Montenegriner die völkerrechtliche Anerkennung für sein Land sowie den Bau einer chinesischen Mauer an den Grenzen zum serbischen Brudervolk wünschte, erkundigte der Serbe sich erst einmal nach der Machbarkeit dieser zwei Projekte. Als der Fisch versicherte, er könne auch die ausgefallensten Wünsche verwirklichen und der Montenegriner dürfe voller Zuversicht in die eigenstaatliche Zukunft schauen, da verlangte der sichtlich zufriedene Serbe nur noch ein kleines Bier. Diese und ähnliche politische Sottisen aus Belgrad widerspiegeln die dort verbreitete Einstellung gegenüber dem offenbar nie enden wollenden Gezerre um die Selbständigkeit der adriatischen Zwergrepublik. Die Parlamentswahlen am 22. April haben eher für weitere Verlegenheit gesorgt, da Präsident Milo Djukanovic lediglich einen Pyrrhussieg erzielte. Seine Koalition mit dem beflügelnden Namen „Der Sieg gehört Montenegro“ gewann 36 von 77 Sitzen im Parlament, während der Hauptgegner – eine Koalition mit dem nicht minder enthusiasmierenden Namen „Gemeinsam für Jugoslawien“ 33 Mandate verbuchte – weit mehr als erwartet, aber zu wenig, um eine wirkliche Wende herbeizuführen.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.