Im nachhinein kann man die Ernennung des inzwischen zurückgetretenen Hodac zum Generaldirektor des Tschechischen Fernsehens fast als Glücksfall bezeichnen. Die Offensichtlichkeit, mit welcher der Fernsehrat aus allen möglichen Kandidaten denjenigen wählte, der am besten die Voraussetzung erfüllte, zum Handlanger der Demokratischen Bürgerpartei (ODS) von Václav Klaus in dem wichtigsten modernen Medium zu werden, die Diskrepanz zwischen den Fähigkeiten des Kandidaten und den Anforderungen seines Amtes, wie auch sein ungeschicktes Agieren nach der Wahl - dies alles brachte schließlich das Faß zum Überlaufen. Viel zu lange schon hatten sich in der tschechischen Gesellschaft Unmut und Enttäuschung über die Art und Weise aufgestaut, wie sich die Sozialdemokraten (CSSD) und ihre bei den Wahlen von 1998 knapp unterlegenen Gegenspieler von der ODS in einem "Oppositionsvertrag" die Macht teilten und das Land mehr und mehr in eine Spielwiese parteipolitischer Interessen verwandelten. So hatte sich die Mehrheit der Tschechen, die 1989 auf die Straße gegangen die Demokratie nicht vorgestellt. Ratlosigkeit und Skepsis waren überall mit Händen zu greifen. Das Agieren des Fernsehrates geriet in dieser Situation schnell zum pars pro toto für die Machenschaften in der Politik.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.