Ausgabe Oktober 2001

Transatlantische Störungen

Blätter-Gespräch mit Andrei S. Markovits

Die Reaktionen in Deutschland sind auf den ersten Blick sehr bewegend. Bundeskanzler Gerhard Schröder hält, neben Tony Blair, die weitaus einfühlsamste Rede eines europäischen Staatsmannes zu der schrecklichen Katastrophe vom 11. September 2001. Der Bundestag widmet sich der Schandtat in einer eindrucksvollen Sitzung, an öffentlichen Gebäuden wurde Halbmast geflaggt, Gewerkschaften und Arbeitgeber verständigen sich auf eine fünfminütige Arbeitsunterbrechung zum Gedenken an die sicherlich Tausende Opfer in New York, Washington und Pennsylvania. Doch gerade mal einen Tag nach diesem beispiellosen Anschlag gegen die Vereinigten Staaten werden erste Stimmen laut, die darauf hinweisen, daß bei der sicherlich anstehenden Erwiderung auf die Angriffe die Europäer eher für Sorgfalt, Überlegtheit und Bedachtsamkeit stehen, während die Amerikaner, wie könnte es anders sein, allein auf Rache und Zerstörung aus seien. Die Katastrophe wird die seit langem spürbare Mißstimmung zwischen Europa und Amerika eine Zeitlang übertünchen, sie aber kaum beseitigen. Sobald die USA handeln, egal wann und wo und was sie tun, werden die Europäer die zwischenzeitliche Konkordanz aufkündigen. Die Tragödie des 11. September war ein Angriff auf die Vereinigten Staaten.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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