Ausgabe April 2002

Reflexe und Ignoranzen

Politische Reaktionen auf die Pisa-Studie

Gelassenheit gehört nicht zu den Tugenden der Deutschen, zumindest dann nicht, wenn sich Aussitzen nicht auszahlt. Seit über einem halben Jahr sickerten die Ergebnisse des "Programme for International Student Assessment" 1), kurz Pisa genannt, bei Bildungsforschern und Kultusministerien durch: Auch dieser RundumTest der 15jährigen in 32 Ländern der OECD bescheinigte den Deutschen ein beunruhigendes Mittelmaß bei den Leistungen und ein Schulsystem, das in extrem hohem Maße nach der sozialen Herkunft selektiert. Wer arm ist an kulturellen und materiellen Gütern, hat es bis heute vier Mal schwerer, eine "Bildungskarriere" im Gymnasium zu machen, als ein Kind aus der kulturellen und sozialen Oberschicht.

Überrascht haben die ersten Pisa-Signale nicht, denn die Testserien der letzten vier Jahre, die die Schulen unter Druck gesetzt haben, wiesen trotz der netten Namen wie Iglu, Markus, Lau, Biju, Quasum oder Timss in die gleiche Richtung: In der Grundschule finden Weichenstellungen und soziale Auslesemechanismen statt, die die weiterführenden Schulsysteme kaum noch ausgleichen (können/wollen). Und: Das Interesse der Schülerinnen und Schüler am Lesen, an der Mathematik oder an naturwissenschaftlichen Fächern wie Physik und Chemie ist gering, die Leistungen spiegeln das Desinteresse wider.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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