Im Jahr 1798 publizierte Kant drei ältere Abhandlungen unter dem Titel "Der Streit der Fakultäten". Darin entwickelt er eine moderne Idee der Wissenschaft. Auffällig ist freilich, dass er Wissenschafts- und Universitätssystem identifiziert. Die Universität oder die Wissenschaftlergemeinschaft ist im Unterschied zum "bürgerlichen" das "gelehrte gemeine Wesen", eine juristische Körperschaft: die Gelehrtenrepublik. 1) Modern ist diese Idee, weil sie sich f u n k t i o n a l an der Differenzierung von Macht und Wahrheit orientiert. In der Gelehrtenrepublik geht es um Wahrheit und Beweise, im Staat um Macht und Befehle. 2) Lehre und Forschung sind nur der Gesetzgebung der Vernunft verpflichtet. 3) Modern ist diese Idee aber auch n o r m a t i v, denn Kant legt der Wissenschaft den Begriff einer "freien Verfassung" zugrunde und lokalisiert sie damit historisch im Horizont der Französischen Revolution. 4) Politik, Recht, Moral und Wissenschaft entspringen der einen Quelle der Freiheit. Die öffentliche Bedeutung autonomer Wissenschaft sah Kant einmal in der Selbstaufklärung des "g e l e h r t e n gemeinen Wesens durch den Streit der Fakultäten und zum anderen in der volkspädagogischen Aufklärung des breiten Publikums als "bürgerliches gemeines Wesen".
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.