Ausgabe Mai 2002

Der brasilianische Spartakus

"Wir sind nicht unterentwickelt", pflegt Präsident Fernando Henrique Cardoso, früher als radikaler Soziologe einer der Väter der Dependenztheorie, zu sagen, "sondern wir Brasilianer leiden an Ungleichheit". Hat sich die Situation gebessert? Makroökonomisch deutlich ja. Laut Zensus 2000 des IGBE (Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística) stieg das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen während der 90er Jahre um 41,8% an. Solch abstrakte Daten müssen im kommenden Oktober den Test der Präsidentschafts- und Kongresswahlen bestehen. Indes, an die Wahlurne glauben viele Bürger infolge der schroffen Ungleichheit kaum mehr.

Der wirkliche Wandel in der brasilianischen Gesellschaft geschieht an der Basis, wo fern von der offiziellen Politik autonome Gruppen, Gewerkschaften, die MST-Landlosenbewegung (Movimiento dos Sem Terra), christliche Kirchengemeinden, Studenten und Nachbarschaftsvereinigungen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Manchmal als Klassenkampf besonderer Art: In der Osterwoche besetzten an die fünfhundert Familien der MST-Landlosenbewegung die Hacienda der Cardoso-Präsidentenfamilie, um den Inhalt der enormen Kühlschränke leer zu essen und zu trinken und die von Fidel Castro geschenkten Zigarren aufzurauchen.

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Venezuela: Kolonialismus des 21. Jahrhunderts?

von Ferdinand Muggenthaler

Anfang April veröffentlichte die »New York Times« eine Recherche über den Entscheidungsprozess, der zum US-Angriff auf Iran führte. Der Bericht bestätigt, was Donald Trump auch öffentlich immer wieder anklingen lässt: Die Militäraktion gegen Venezuela hat ihn motiviert.