Ausgabe Mai 2002

Der brasilianische Spartakus

"Wir sind nicht unterentwickelt", pflegt Präsident Fernando Henrique Cardoso, früher als radikaler Soziologe einer der Väter der Dependenztheorie, zu sagen, "sondern wir Brasilianer leiden an Ungleichheit". Hat sich die Situation gebessert? Makroökonomisch deutlich ja. Laut Zensus 2000 des IGBE (Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística) stieg das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen während der 90er Jahre um 41,8% an. Solch abstrakte Daten müssen im kommenden Oktober den Test der Präsidentschafts- und Kongresswahlen bestehen. Indes, an die Wahlurne glauben viele Bürger infolge der schroffen Ungleichheit kaum mehr.

Der wirkliche Wandel in der brasilianischen Gesellschaft geschieht an der Basis, wo fern von der offiziellen Politik autonome Gruppen, Gewerkschaften, die MST-Landlosenbewegung (Movimiento dos Sem Terra), christliche Kirchengemeinden, Studenten und Nachbarschaftsvereinigungen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Manchmal als Klassenkampf besonderer Art: In der Osterwoche besetzten an die fünfhundert Familien der MST-Landlosenbewegung die Hacienda der Cardoso-Präsidentenfamilie, um den Inhalt der enormen Kühlschränke leer zu essen und zu trinken und die von Fidel Castro geschenkten Zigarren aufzurauchen.

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Bolivien: Morales als Märtyrer?

von Thomas Guthmann

Vor 14 Jahren trat in Bolivien Evo Morales als erster indigener Präsident Lateinamerikas sein Amt an. Heute, gut zwei Monate nach seinem erzwungenen Rücktritt, ist das Land gespaltener denn je. Während die Interimsregierung das Militär auf die Straßen schickt, kämpft die indigene Bevölkerung um den Erhalt ihrer Rechte.