Ausgabe Mai 2002

Identität und Integration

Islamische Staatsbürger in Frankreich

Die Schätzungen, wie viele Muslime in Frankreich leben, schwanken zwischen dreieinhalb und fünf Millionen. Damit ist der Islam vor dem Protestantismus und dem Judentum die zweitgrößte Religion Frankreichs. Zugleich zeigt diese vage Zahl die ganze Komplexität der statistischen Erfassung der "aus der Immigration hervorgegangenen" Bevölkerungsteile Frankreichs (wo eben nicht von "Ausländern" die Rede ist) vor dem Hintergrund des säkularen französischen Staatsverständnisses und seines bis vor kurzem ausschließlich auf dem ius soli basierenden Staatsangehörigkeitsrechts: Auf Grund der radikalen Trennung zwischen Staat und Kirche gibt es keine offiziellen Statistiken der Religionszugehörigkeit, geschweige denn eine Kirchensteuer, die es ermöglichen würde, die Zahl der Gläubigen festzustellen. So muss sich die Schätzung dieser "soziologischen Muslime" auf so ungenaue Kriterien stützen wie Herkunft oder Abstammung. Über die religiöse Praxis der Menschen oder ihre Identifikation mit einer Religion, einer Kultur, einer Nation sagt eine solche Kategorisierung nichts aus.

Die angenommene Zahl der in Frankreich lebenden Muslime wird ohnehin zu einer sehr relativen Größe, wenn man sich die Gemengelage der ethno-religiösen Unübersichtlichkeit verdeutlicht.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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