Kagans Beobachtungen treffen weitgehend zu. Ja, die Europäer haben einen anderen Zugang zu den Fragen der internationalen Politik als die USA, die das Völkerrecht zunehmend als eine lästige Fessel und nicht als einen „gentle civilizer of nations“ (Koskenniemi) empfinden. Auch kann das in Europa verbreitete Lamentieren über US-amerikanischen Unilateralismus und hegemoniales Gebaren immer weniger eine gewisse innere europäische Unaufrichtigkeit verbergen: Wenn Europa von den USA und der übrigen Welt als gleichberechtigter globaler Ordnungsfaktor ernst genommen werden will, dann müsste es auch bereit sein, die dafür erforderlichen erheblichen Anstrengungen und Entbehrungen auf sich zu nehmen, sprich: die Prioritäten seiner politischen Agenda zu verändern und seine militärischen Etats zu Lasten der Ausgaben für den inneren sozialen Frieden und einen angenehmen Wohlstand zu erhöhen. Eine Weltmacht, die für ihre eigene Sicherheit nicht sorgen kann, ist ein Selbstwiderspruch. Und schließlich – ich zitiere mich hier selbst1 – einer Hegemonialmacht vorzuwerfen, dass sie sich hegemonial benehme, ist so – um eine Metapher von Josef Schumpeter abzuwandeln – als werfe man einem Mops vor, dass er sich keinen Wurstvorrat anlegt.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.