Ausgabe November 2002

Von Bären, Wilderern und Förstern

Kagan kann glaubwürdig darlegen, dass sich die USA weniger für das Völkerrecht als für das Recht des Stärkeren interessieren. Ihm selbst nämlich ist das Völkerrecht offenbar unbekannt. Er scheint nicht zu wissen, dass die Welt seit über fünfzig Jahren kein Dschungel mehr ist, sondern ein System kollektiver Sicherheit; er scheint nicht zu wissen, dass sich die Völker der Erde eine Struktur gegeben haben, die ihnen verbietet, die militärische Gefahrenabwehr auf eigene Faust vorzunehmen; er scheint nicht zu wissen, dass diese Aufgabe 1945 einer eigens zu diesem Zweck eingerichteten Zentrale übertragen wurde: der UNO.

Er vergleicht die Welt mit einem Wald, in dem ein Mann vor der Frage steht, ob er den bösen Bären besser erschießen oder meiden soll. Kagan sieht nicht, dass in diesem Wald bereits ein Förster eingesetzt ist, der allein das Recht besitzt zu schießen. Jeder andere, der sich den Kampf gegen die Bären anmaßt, ist ein Wilderer, den der Förster notfalls abzuschießen befugt ist. Nun gibt es auch innerhalb einer solchen Konstellation Situationen, in denen Selbsthilfe angesagt ist. Im Wald: Wenn der Bär zum Angriff übergeht, darf er von jedem abgeschossen werden. In der Welt: Die UN-Charta erlaubt jeder Nation die Verteidigung. Dass dieser Fall gegenwärtig nicht vorliegt, sieht auch Kagan.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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