Ausgabe November 2002

Wechselseitige Rücksichtnahme

Robert Kagan zeichnet ein sorgenvolles Bild der europäisch-amerikanischen Beziehungen. Bei allen Überzeichnungen liefert er eine in vielerlei Hinsicht treffende Beschreibung der zunehmenden Verwerfungen. Doch dass es dennoch "mehr als ein Klischee" sei, dass Amerikaner und Europäer nach wie vor über "einen gemeinsamen, westlichen Wertebestand verfügen", und dass das, "was sie für die Menschheit erstreben", immer noch "weitgehend deckungsgleich" ist (S. 1206), mag man am Ende der Ausführungen Kagans kaum noch glauben. Denn in seiner Zwei-Sphären-Welt scheinen die Amerikaner dazu verdammt, auf ewig die Rolle des Torwächters an der Mauer zwischen Dschungel und Paradies auszufüllen. Ihnen obliege es, mit "den Saddams", aber auch den "Jiang Zemins fertig zu werden", während unter anderem die Europäer im Kantschen Paradies "davon profitieren" (S. 1204).

Besteht wirklich noch Einigkeit über die Welt, die Amerikaner und Europäer anstreben? Die Zweifel mehren sich, weil schon die Bilder der gegenwärtigen Welt zunehmend divergieren. Der Ist-Zustand wird in Washington ganz anders beschrieben als in Paris oder Berlin.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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