Ausgabe Oktober 2003

Lateinamerika ist noch nicht verloren

Lateinamerikas Wirtschaftsdaten, daran ist nicht zu rütteln, sind mager. Trotzdem kann man sie optimistisch interpretieren. Am obszönsten agiert diesbezüglich "Latin Finance", die sündteure, in Miami edierte Monatszeitschrift, die in Hochglanz die lateinamerikanischen Konjunkturzyklen beobachtet und ein wichtiges Börsenthermometer für die Region abgibt: Zwar werden von den Redakteuren immer wieder Stolpersteine wahrgenommen, aber die Vorausschau fällt unweigerlich glänzend aus. Optimismus strahlt beständig auch die Jahrestagung der Interamerikanischen Entwicklungsbank aus, auf deren sybaritischen Empfängen – zuletzt im März 2003 in Mailand – das Licht des lateinamerikanischen Kontinents glüht. Sogar der neueste "Bericht über die menschliche Entwicklung 2003" der UNDP, Anfang Juli in Wien vorgestellt, der nicht umhin kann, weltweit in 54 Ländern einen deutlichen Einkommensrückgang festzustellen, verpackt den Optimismus attraktiv in die Millenniums- Entwicklungsziele, wonach bis 2015 extreme Armut und Hunger auf dieser Welt zu beseitigen sind. Barbados, mit Platz 27 auf der Weltrangliste dieses Reports das erfolgreichste lateinamerikanische Land, schafft auf nationaler Ebene dieses Ziel fast schon heute (und liegt damit nicht weit hinter dem Platz 18 Deutschlands).

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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