Ausgabe Juli 2004

Lateinamerikanische Bonanza

Wenn die Finanzaristokratie Lateinamerikas - 6 000 Bankiers, Anleger, Pensionsfondsvertreter, Risiko-Analysten, Geldexperten und Finanzminister - tagt, ist das Glas nicht nur halb voll, sondern sprudelt ordentlich über. So jüngst in Lima im Rahmen der 45. Jahrestagung der Interamerikanischen Entwicklungsbank (im spanischen Akronym BID, Banco Interamericano de Desarrollo). Lateinamerikas Wirtschaftsdaten der vergangenen fünf Jahre waren miserabel. Da auch die Wachstumslokomotive Chile lahmte, konnte die Region insgesamt lediglich einen Zuwachs von 1,3 Prozent per annum verbuchen, was bei einer Geburtenrate von unter zwei Prozent das Pro- Kopf-Einkommen der Lateinamerikaner einmal mehr schrumpfen ließ.

Doch plötzlich zeigte sich in Lima alles gänzlich anders. Enrique V. Iglesias, der ebenso korpulente wie gescheite BID-Präsident und heute unangefochten die tonangebende Autorität in der lateinamerikanisch-karibischen Entwicklungsdebatte, wich vom offiziellen Text seiner Eröffnungsrede ab und improvisierte den Satz "llegó la bonanza", die fetten Jahre sind da! Verhaltener Jubel brandete auf. Pedro Pablo Kuczynski, ein internationaler Finanzberater und derzeit erneut Perus Wirtschafts- und Finanzminister, griff Iglesias’ Motto sofort auf und proklamierte den Beginn einer dynamischen Wachstumsdekade für Lateinamerika.

Zumindest psychologisch ist die Euphorie verständlich.

Sie haben etwa 14% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 86% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Bolivien: Morales als Märtyrer?

von Thomas Guthmann

Vor 14 Jahren trat in Bolivien Evo Morales als erster indigener Präsident Lateinamerikas sein Amt an. Heute, gut zwei Monate nach seinem erzwungenen Rücktritt, ist das Land gespaltener denn je. Während die Interimsregierung das Militär auf die Straßen schickt, kämpft die indigene Bevölkerung um den Erhalt ihrer Rechte.