Ausgabe März 2005

Der populistische Moment

Kaum ein Begriff hat in den letzten Jahren derart an Popularität gewonnen wie der des Populismus. Wer von Populismus spricht, glaubt zu wissen, was er beinhaltet: Ausländerfeindlichkeit, Ethnozentrismus, Appell an niedere Instinkte, Politik der "einfachen Lösungen", Revolte der "Unterklasse", Mobilisierung von Ressentiments, demagogische Vereinfachung komplexer Zusammenhänge.

Wenn heute von Populismus die Rede ist, ist Rechtspopulismus gemeint. Aber schon diese Einschränkung verweist auf ein analytisches Defizit. Gibt es etwa auch einen Linkspopulismus oder einen der Mitte? Linkspopulismus war in Europa immer ein schmächtiges Pflänzchen, das aber, glaubt man Auguren, neuerdings einen Wachstumsschub durchmacht. Der "Siegeszug des neuen Plebejers"1 stehe bevor. Verortet wird er bei Montagsdemonstrierern, Attac-Anhängern, bei der PDS, Oskar Lafontaine oder den Regisseuren Michael Moore und Christoph Schlingensief.

In Frankreich warnte der sozialdemokratische Politiker Jean-Christophe Cambadélis mit Blick auf die alternative Larzac-Szene vor einem neuen Populismus oder gar Poujadismus, obwohl dort eher linke Kräfte vorherrschen. Der anarcho-syndikalistische Bauerngewerkschafter José Bové gilt manchen als Bauernpoujadist oder gar als Protofaschist. Der Poujadismus wiederum, die erste nennenswerte Erscheinungsform des Populismus in Europa, wird von anderen als rechtsextrem eingestuft, was er nie war.

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