Ausgabe Dezember 2006

Fahrstuhl nach unten

Wochenlang bewegte die Debatte über eine neue Unterschicht das Land. Die Erregungskurve erreichte ungeahnte Ausschläge. Was Maßnahmen mit langfristiger Wirkung anbelangt, herrscht dagegen Fehlanzeige. Mehr noch: Die wohlmeinenden Bekenntnisse werden durch die gleichzeitigen Fakten im Kleingedruckten regelrecht konterkariert. Besonders drastisch zeigt sich dies auf dem Feld der Armutsbekämpfung und, damit korrespondierend, der Aufstiegsermöglichung.

Gerade hier wäre es unserer politischen Klasse anzuraten, die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung „Gesellschaft im Reformprozess“ sehr viel genauer zur Kenntnis zu nehmen, als dies bisher tatsächlich geschehen ist. 1 Das vielleicht größte Verdienst dieser Studie besteht darin, nicht bei den bereits seit Jahren bekannten – und umso mehr Besorgnis erregenden – Fakten über das Ausmaß der materiellen Armut stehen zu bleiben, sondern darüber hinaus auch nach den politischen Einstellungen und persönlichen Zukunftserwartungen gefragt zu haben. Die Ergebnisse der Untersuchung sind in der Tat erschreckend: So geben 63 Prozent der Befragten an, dass ihnen die gesellschaftlichen Veränderungen Angst machen. Knapp die Hälfte, nämlich 46 Prozent, empfinden ihr Leben als ständigen Kampf; 14 Prozent sehen sich in jeder Hinsicht als Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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