Ausgabe Juli 2006

Planet der Slums

Der Planet der Slums ist etwas absolut Neues. Erst seit wenigen Jahren sind wir in der Lage, die globale Dimension der Urbanisierung zu erkennen. So erstaunlich es klingt, aber in den klassischen Sozialwissenschaften – egal ob bei Marx, Weber oder auch in der Modernisierungstheorie aus den Zeiten des Kalten Krieges – ist nirgendwo antizipiert worden, was mit der Stadt in den letzten 30 oder 40 Jahren geschehen ist. Niemand sah das Aufkommen einer großen Klasse voraus, die überwiegend aus jugendlichen Stadtbewohnern besteht, welche keine reguläre Beziehung zur Weltwirtschaft haben und auch keine Chance, jemals in eine solche zu treten. Bei dieser informellen Arbeiterklasse handelt es sich weder um das Lumpenproletariat von Karl Marx, noch um das „Slum der Hoffnung“ voller Menschen, die letztlich Anschluss an die reguläre Wirtschaft finden werden, wie man es sich vor 20 oder 30 Jahren vorstellte. Abgedrängt an die Peripherie der Städte und gewöhnlich ohne Zugang zur traditionellen Kultur dieser Städte stellt diese informelle globale Arbeiterklasse eine präzedenslose Erscheinung dar, die kein Theoretiker vorhersah.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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