Ausgabe Juni 2006

Chinesischer Chauvinismus

Nationalitätenkonflikte im Reich der Mitte

Chinas Wirtschaft boomt wie keine zweite, doch der politische Wandel im Reich der Mitte lässt nach wie vor auf sich warten. Wer mit China Geschäfte machen möchte, vermag die Augen vor mangelnder Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Einhaltung der Menschenrechte vielleicht zu verschließen. Fraglich ist indes, wie lange sich Peking angesichts zunehmender innenpolitischer Spannungen einer Systemerneuerung und -öffnung versperren kann.1 Es mehren sich die Anzeichen, dass die innere Stabilität des Landes gefährdet sein könnte, wenn die chinesische Führung ihren Kurs des aggressiven Nationalismus beibehält und so davon abzulenken trachtet, dass die Ursachen sozialer Spannungen auch in der eigenen Politik zu suchen sind.

Der immer wieder aufflammende gesellschaftliche Protest im bitterarmen Westen des Landes zeigt, dass der chinesische Nationalismus bei der armen Landbevölkerung oftmals das Gegenteil von dem bewirkt, was er fordert – zumal dann, wenn sich das Gefühl einstellt, nicht freiwillig, sondern erzwungenermaßen der han-chinesischen Kultur anzugehören. Ungeachtet einer deutlichen Dominanz von Han-Chinesen mit knapp 92 Prozent der Gesamtbevölkerung ist China ein Vielvölkerstaat mit entsprechenden Problemen.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Euphorie und Ernüchterung: Bangladesch nach dem Aufstand

von Natalie Mayroth, Dil Afrose Jahan

Im September fanden an der Universität Dhaka, einer der wichtigsten Hochschulen Bangladeschs, Wahlen zur Studentenvereinigung statt. Manche sehen sie als Testlauf für die nationalen Wahlen. Daher ist es ein Warnsignal, dass dort ausgerechnet der Studentenflügel der islamistischen Jamaat-e-Islami gewann.