Ausgabe Februar 2008

Die Rückkehr des Reaktionärs

„Freiheit freilich. Aber zum Schlimmen Führt der Masse sich selbst Bestimmen. Und das Klügste, das Beste, Bequemste Das auch freien Seelen weitaus genehmste Heißt doch schließlich, Ich hab’s nicht Hehl Festes Gesetz und fester Befehl.“

Diese heute mehr als befremdlich wirkenden Zeilen entstammen der Feder des als ebenso menschenfreundlich wie skeptisch bekannten Dichters Theodor Fontane. Wie kaum ein anderer beobachtete er, teils durchaus nostalgisch, den Niedergang des preußischen Adels und den Aufstieg des Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.1 Keineswegs zufällig steht sein Gedicht am Anfang eines Buches, das im vorvergangenen Jahr ob seiner offen rückwärts gewandten Erziehungsideologie Furore machte: Bernhard Buebs „Lob der Disziplin“.2 Wie auch die Wahlkampfführung des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch beweist, ist die Sehnsucht nach Härte, Autorität und Unterwerfung in breiten Kreisen der Gesellschaft angekommen. Reaktionäres Denken ist wieder en vogue – und zwar auf der ganzen Breite des politisch-kulturellen Spektrums.

So inszenierte im vergangenen Jahr das Berliner Maxim Gorki Theater, das man eher der kulturellen Linken wird zurechnen müssen, mit nicht unerheblichem Erfolg ein Stück des französischen Dichters Paul Claudel (1868-1955).

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2020

In der April-Ausgabe analysiert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel, wie die Corona-Krise die große Erzählung vom Segen der Globalisierung endgültig entzaubert. Der Ökonom Thomas Piketty widmet sich der Ideologie der Ungleichheit und zeigt: Das Aufstiegsversprechen westlicher Gesellschaften ist nicht länger tragfähig. Der Historiker Yoni Appelbaum erkennt im demographischen Wandel in den USA einen zentralen Treiber für den wachsenden Hass in der amerikanischen Gesellschaft. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis geht den kolonialen Wurzeln des Rassismus auf den Grund. Und die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will würdigt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidassistenz.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Wettbewerb vor Wissenschaft: Schwarz-rote Hochschulpolitik

von Andreas Keller

Sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts wollen Bund und Länder eigentlich für die Bildung ausgeben und weitere drei Prozent für Forschung und Entwicklung. Darauf jedenfalls verständigten sie sich beim Dresdener Bildungsgipfel im Jahr 2008. Doch tatsächlich verfehlen sie das gesetzte Ziel nun schon seit zehn Jahren. Abhilfe verspricht nun die schwarz-rote Koalition.