Ausgabe Juni 2008

Weltkrieg oder Weltgesellschaft?

Nie zuvor waren die Völker und Nationen der Menschheit einander so nah. Unablässig überqueren Informationen und Kapital die Ozeane zwischen Europa, Amerika und Asien. Neue Technologien ermöglichen die Verständigung im Sekundentakt und den schnellen Transport über alle Grenzen hinweg. Der internationale Handel erstreckt sich bis in die letzten Winkel aller Kontinente. Tausende von Unternehmen bauen weltweite Produktions- und Vertriebsketten auf. An den Knotenpunkten des Informationsnetzes in London und New York schmieden Investmentbanker immer neue Finanzgesellschaften, die mit dem Kapital der Reichen neue Städte, Transportwege und Fabriken in den schnell wachsenden Schwellenländern finanzieren. Die Aufholjagd der Aufsteigerstaaten und der technologische Wandel ändern das Alltagsleben radikal. Ganze Berufsgruppen verschwinden, weil neue Maschinen auf einen Schlag einige hundert Arbeitskräfte ersetzen können. Gleichzeitig verdrängen Billigimporte viele alte Produzenten. Millionen Menschen werden arbeitslos und suchen ihr Glück in der Auswanderung nach Übersee.

Der beispiellose Boom setzt eine bis dahin ungekannte Dynamik frei, und Ökonomen schwärmen von der „Aufhebung der Distanz“.1 Die Phase der national organisierten Volkswirtschaften gehe ihrem Ende entgegen, schreibt Richard Ely, einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler der USA.

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (3.00€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2020

In der Juni-Ausgabe analysiert die Journalistin Kate Aronoff, wie sich Corona-Pandemie, Verschuldung und Klimawandel im globalen Süden zu einer dreifachen Krise verschränken. Die Ökonomen Emmanuel Saez und Gabriel Zucman zeigen, wie die einst progressive Steuerpolitik der USA durch eine systematische Bevorzugung der Reichen abgelöst wurde. Der Agrarwissenschaftler Knut Ehlers und der Präsident des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, plädieren für eine radikale Transformation der Landwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit. Und »Blätter«-Redakteur Steffen Vogel ergründet den Zusammenhang zwischen Verschwörungsglaube und Popkultur.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Afrika: Die zweifache Katastrophe

von Simone Schlindwein

Es sind grausame Szenarien, die für Afrika projiziert werden. Von „zehn Millionen Toten“ durch das Coronavirus auf dem Kontinent warnte Microsoft-Gründer Bill Gates bereits im Februar: Ein massiver Ausbruch würde die ohnehin maroden Gesundheitssysteme Afrikas „überwältigen“ und dadurch zu einem Massensterben führen, erklärte er. Die Warnung Gates‘ kam nur wenige Stunden bevor in Ägypten der erste Covid-19-Fall auf dem Kontinent bestätigt wurde. Seitdem breitet sich das Virus stetig weiter gen Süden aus und mit ihm auch die Angst.

Indien: Der große Exodus

von Ellen Ehmke

Es ist der größte Lockdown der Menschheitsgeschichte: Am 24. März verordnete Premierminister Narendra Modi dem indischen Subkontinent eine mehrwöchige Ausgangssperre, die mindestens bis Anfang Mai anhalten soll. Das Ziel: Die Ausbreitung des Coronavirus unter den knapp 1,4 Milliarden Inder*innen aufzuhalten.