Ausgabe November 2010

Studium globale

Nachdem die Menschheit zwischenzeitlich dachte, die Erde sei eine Kugel, hat die Globalisierung uns wieder klar gemacht: „Die Welt ist flach“ – das wusste der Publizist Thomas L. Friedman angesichts der globalen Handels- und digitalen Datenströme schon vor Jahren.

Nörgler mögen einwenden, die Welt werde nicht flacher, sondern steiler. Denn die Polarisierung innerhalb der Gesellschaften steigt, und die soziale Durchlässigkeit nimmt weltweit nachweislich ab – auch in den Vereinigten Staaten, wo der legendäre Aufstieg „vom Tellerwäscher zum Millionär“ längst nur noch ein Mythos ist.

Aber das ist die Faktenhuberei miesepetriger Pessimisten. Denn in Wirklichkeit führt uns die Globalisierung von Sieg zu Sieg.

Eine wichtige Formel ihres Erfolges ist das Outsourcing bzw. Offshoring. Und das geht so: Unternehmen in den reichen Ländern lagern Teile der Produktion in sogenannte Billiglohnländer aus. Auf diese Weise spart man Kosten, erhöht die Konkurrenzfähigkeit und somit letztlich den Profit.

Outsourcing ist auch deshalb toll, weil dabei dem Erfindungsreichtum keine Grenzen gesetzt sind. Billiger betreiben kann man auf diese Weise nämlich nicht nur Kohlebergbau oder Schiffbau, sondern auch so manche Dienstleistung: Telefondienste etwa, die medizinische Analyse von Röntgenbildern und das Zeichnen der „Simpsons“ lassen sich längst in Indien, Malaysia oder Südkorea erledigen.

Jüngst hatte jemand in den USA eine weitere brillante Geschäftsidee: das Outgrading. Dabei werden die studentischen Hausarbeiten nicht mehr von den Professoren bzw. deren „Teaching Assistants“ (TAs) korrigiert, sondern von eigens zu diesem Zwecke angeheuerten „Virtual TAs“ in Übersee. Damit bringt die Globalisierung die Lehrenden ihrem ewigen Traum, der Befreiung von jeglicher Tätigkeit jenseits der Forschung, ein Stück näher. Bei einem Schnäppchenpreis von zwölf US-Dollar pro Hausarbeit lassen sich zudem Gelder bei den studentischen TAs einsparen, die anderswo eingesetzt werden können. Für eine Gehaltserhöhung der Professoren, beispielsweise.

Angesichts dessen wollen hierzulande die „Freunde der unternehmerischen Universität“ sicherlich nicht zurückstehen. Denn wer Europa mit der „Lissabon-Strategie“ zur „wettbewerbsfähigsten Region der Welt“ und mit dem „Bologna-Prozess“ zur superdupersten Gegend überhaupt machen will, muss dran bleiben am Weltmarkt.

Die Standortgemeinschaft Deutschland hat allerdings einen gravierenden Nachteil: die Sprache. Deutsch mag die am weitesten verbreitete Muttersprache in der EU sein, aber im globalen Wettbewerb ist das nicht genug – gerade mit Blick auf das Outgrading. Denn wo ist das Billiglohnland, in dem Deutsch die Muttersprache ist, wohin wir also die Hausarbeiten auslagern könnten?

Sollten also die Inder nicht doch noch endlich perfektes Deutsch lernen, gibt es – neben satten Studiengebühren – nur einen Ausweg aus diesem Standortmalus-Dilemma: Wir müssen die deutschen Universitäten auf Englisch umstellen. Und zwar komplett. Denn erst wenn man den Studenten beibringt, ihre Hausarbeiten auf Englisch zu schreiben, bevor sie dies auf Deutsch können, werden unsere Hochschulen endlich die Globalisierungsdividende einfahren. Dann erhält auch das Diktum „Die Welt ist flach“ eine ganz neue Bedeutung.

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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