Ausgabe April 2011

Das Ende der Erstarrung

Spätestens seit die Demonstranten in Tunesien den langjährigen Diktator Ben Ali zum Rücktritt zwangen, haben sämtliche Herrscher des Nahen und Mittleren Ostens Grund zur Beunruhigung. Die internationale Öffentlichkeit hat ihre Aufmerksamkeit inzwischen von Tunesien nach Ägypten und Libyen verschoben. Zugleich schwanken die professionellen Beobachter zwischen der These eines Dominoeffekts, wonach ein Umsturz den nächsten nach sich zieht, und der Annahme, dass die Länder der Region so unterschiedlich sind, dass ein solcher Effekt kaum vorstellbar ist. Beides ist für sich genommen plausibel: Einerseits dürfte die schnelle Abfolge der Massenproteste kaum zufällig sein; andererseits aber sind die betroffenen Länder in der Tat so verschieden, dass eine einzige, gemeinsame Ursache der Umwälzungen kaum unterstellt werden darf.

Der vermeintliche Widerspruch der beiden Annahmen löst sich allerdings auf, wenn man die Dialektik regionaler und lokaler Entwicklungen genauer ins Auge fasst. Die gegenwärtige Entwicklung begann nämlich keineswegs erst in Tunesien, und sie ist auch nicht auf arabische Länder beschränkt. Bereits 2005 begehrte ein großer Teil der libanesischen Bevölkerung gegen ihre prosyrische Regierung und die syrischen Besatzungstruppen auf – die Regierung stürzte, die syrischen Truppen zogen noch im gleichen Jahr ab.

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (9.50€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe September 2020

In der September-Ausgabe erkennt der Philosoph und »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas im Wiederaufbauplan der EU – 30 Jahre nach der Zäsur von 1989/90 – eine zweite Chance für die innerdeutsche wie auch für die europäische Einheit. Die Literaturwissenschaftlerin Sarah Churchwell beleuchtet die langen Linien des amerikanischen Faschismus – vom Ku-Klux-Klan bis zu Donald Trump. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze plädiert angesichts des Handelskriegs zwischen China und den USA für eine neue globale Entspannungspolitik. Und die Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft portraitiert den Kampf der Frauen gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Afrika: Die zweifache Katastrophe

von Simone Schlindwein

Es sind grausame Szenarien, die für Afrika projiziert werden. Von „zehn Millionen Toten“ durch das Coronavirus auf dem Kontinent warnte Microsoft-Gründer Bill Gates bereits im Februar: Ein massiver Ausbruch würde die ohnehin maroden Gesundheitssysteme Afrikas „überwältigen“ und dadurch zu einem Massensterben führen, erklärte er. Die Warnung Gates‘ kam nur wenige Stunden bevor in Ägypten der erste Covid-19-Fall auf dem Kontinent bestätigt wurde. Seitdem breitet sich das Virus stetig weiter gen Süden aus und mit ihm auch die Angst.