Ausgabe Januar 2011

Demokratie paradox

Die aktuellen Proteste gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 und gegen die Atompolitik der Bundesregierung markierten den Aufbruch einer „APO 2.0“, meinte Claus Leggewie („Blätter“, 11/2010). Aber sind sie nicht eher Indizien einer veränderten Beziehung zwischen Repräsentanten und Repräsentierten?

Proteste in Griechenland gegen die Misswirtschaft, in Frankreich gegen die Rentenpläne der Regierung, die Bürgerproteste in Stuttgart rund um das gigantische Bahnhofsprojekt und in Gorleben gegen die Atompolitik: Allerorten wird demonstriert, protestiert, ja geradezu der Aufstand des Volkes gegen seine politischen Repräsentanten geprobt. Die Medien und die Wissenschaften sind irritiert und unsicher, ob es sich bloß um eine zufällig geballte Anhäufung von öffentlicher Willensbekundung handelt, oder ob hinter der auffälligen Dichte eine strukturelle Veränderung sichtbar wird, die auf neuartige politische Attitüden oder auf ein verändertes Demokratieverständnis hindeutet.

Anzeichen für ein gewandeltes Demokratieverständnis in den westlichen Staatensystemen gibt es schon länger. In der Politikwissenschaft werden seit Jahren Ermüdungserscheinungen der Bürgerinnen und Bürger in den Industriestaaten diskutiert, in deren Rahmen das politische Interesse und die Bereitschaft zur Teilnahme an Wahlen bedenklich sinken.

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (9.50€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema