Ausgabe März 2012

Steinbach, Strauß und Aly

Bild: Screenshot Twitter

Am 31. Januar 2012 twitterte die große Vertriebenenführerin Erika Steinbach all ihren Anhängern eine Geschichtslektion: „Irrtum. Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI...“ Steinbach erweist sich mit diesem aufregenden Tweet historisch so beschlagen wie der große Geschichtsdeuter Franz Josef Strauß, dessen unvollendete Dissertation über die verschollene 44bändige Universalgeschichte des Trogus Pompeius bekanntlich 1944 einem Luftangriff zum Opfer fiel. 35 Jahre später, auf dem CSU-Parteitag im September 1979, war der Nationalsozialismus für Strauß auch nur „eine Variante des Sozialismus.“

Ja, richtiges Wissen um die Geschichte ist stets von Nutzen: Bereits im Frühjahr 1979 hatte der Bundesverband der Industrie – unverfälschter Nachfolger jener Reichsgruppe Industrie, die mit Steinbachs „sozialistischer Arbeiterpartei“ gute Erfahrungen gemacht hatte – Front gegen eine „weitere Übersteigerung der Sozialgesetzgebung“ gemacht. BDI-Präsident Rodenstock verkündete: „An der Schwelle zu einem neuen Jahrzehnt sind Politik und Wirtschaft gefordert.“ Er forderte mehr Flexibilität und Risikobereitschaft: „Gefragt ist eine Politik, die […] konsequenter als bisher auf die Wahrnehmung unternehmerischer Entscheidungsfreiheit bedacht ist.“

Für diese Politik brauchte die deutsche Industrie zur Bundestagswahl 1980 einen starken Kanzlerkandidaten. Nicht den Schwächling Ernst Albrecht, Vater unserer holden Ursula von der Leyen, den der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl vorgeschlagen hatte, sondern Franz Josef Strauß, dem zur moralisch-geistigen Rüstzeit ein guter Freund Unterkunft auf seinem kleinen Schifflein bot: der Industriemagnat Friedrich Karl Flick. Vater Flick war Mitglied des „SOZIALISTISCHEN“ (Steinbach) Freundeskreises Reichsführer SS, wurde aber vorzeitig aus dem Kriegsverbrechergefängnis entlassen. Ein „Leben wie ein König am Mittelmeer“. So nannte Burdas „Bunte“ dieses Exerzitium in einem Exklusivbericht: „Wenn Franz Josef Vollgas gibt“.

Drei Wochen lang durfte Strauß mit Familie die gerade fertiggestellte Luxus-Yacht Diana II samt 18köpfiger Besatzung zum Erholen nutzen, aber auch zum Nachdenken über den Lauf der Geschichte. Er erkannte, auf hoher See, dass die deutsche Industrie nie etwas mit den Nazis zu tun hatte. Vielmehr: Jene „Schwungmasse, die Hitler an die Macht brachte“, das waren die „verzweifelten Sozialisten“, die „der Sozialdemokratie in Massen davongelaufen waren“. Kaum aus dem Yachturlaub zurück, verlieh Strauß dieser Erkenntnis auf dem darauffolgenden CSU-Parteitag Ausdruck. Und sprach danach ins Mikrophon des Bayerischen Rundfunks: „Sowohl Hitler wie Goebbels waren im Grunde ihres Herzens Marxisten.“

Die Reaktion erfolgte prompt: Helmut Kohl jammerte über die zahlreichen Briefe von Parteifreunden und Wählern, die sich als ehemalige Nationalsozialisten dagegen verwahrten, mit Sozialisten auf eine Stufe gestellt zu werden. Zugleich erkannte der Vorsitzende der Jungen Union, Alfred Sauter, (CSU) in den Jungsozialisten und Jungdemokraten von SPD und FDP „die einzigen und wahren Faschisten unserer Tage“. Und Franz Josef Strauß wurde Kanzlerkandidat.

Gewiss, dagegen ist Frau Steinbachs Twittergeschichte nur noch kurios, zumal ihr nicht mal ein Kurzurlaub in Westerland, geschweige denn ein Dreiwochenurlaub auf einer Luxusyacht im Mittelmeer spendiert wurde. Doch der Historiker Heinrich August Winkler und das Zentrum für Antisemitismusforschung erhoben ernsthaften Widerspruch gegen Erika Steinbachs Strauß-Revival. Beklagenswert bei dieser ganzen Geschichte ist dagegen der langjährige Historiker Götz Aly, der sich als vollendeter Kavalier dazu hinreißen ließ, dieses „Gezeter“ gegen Erika Steinbach empörend zu finden. In der renovierten „Frankfurter Rundschau“ verlangt er von den Deutschen einen korrekten „geschichtlichen Durchblick“. Und zwar solcherart: „So belegen zum Beispiel neu entdeckte Foto- und Filmaufnahmen, dass Hitler am 26. Februar 1919 im Trauerzug für den von einem Rechtsradikalen ermordeten bayerischen (zudem jüdischen) Ministerpräsidenten Kurt Eisner mitlief.“ War Hitler also ein Sozialist und ein Freund der Juden? Oder was sonst will Aly uns durchblicken lassen?

Im Niemandsland des Verstehens

Götz Aly hat ein respektables und sehr detailreiches Frühwerk („Vordenker der Vernichtung“, 1991) über die willige Kollaboration der deutschen Wirtschafts- und Bürokratie-Eliten beim Vernichtungswerk an den Juden geschrieben. Doch seit „Hitlers Volksstaat“ (2005) gewann er jene Altersweisheit, die in einem Niemandsland des Verstehens den Schleier des Vergessens über die Mächtigen ausbreitet. Nur noch die kleinen Leute bleiben übrig als Nutznießer von Hitlers „Sozialstaat“. Auschwitz ist – so sein neuestes Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933“ – schlicht aus dem „Neid“ entstanden, schon damals also, als der missgünstige Kain den erfolgreichen Abel erschlug – die Interessengemeinschaft Farben hat damit überhaupt nichts zu tun.

Doch Alys beflissener Einsatz für Frau Steinbach ist überflüssig: Es geht letztlich nur um Platzierungsprobleme. Einst musste Strauß der Union mit der Spaltung drohen, mit einer neuen Rechtsaußenpartei, damit sie ihn zum Kanzlerkandidaten mache. Heute ringt Erika Steinbach mit ihrem „Berliner Kreis“ um mehr Einfluss in der unter Merkel angeblich zu „sozialdemokratisch“ gewordenen CDU. Steinbachs „Vertriebenen“-Bataillone, CDU-General Schönbohm mit seinem preußischen Anhang und der „Junge Freiheit“-Stoßtrupp um die brandenburgische CDU-Vorsitzende Saskia Ludwig, das ist schon ein Drohpotential, mit dem sich trefflich spalten oder übernehmen lässt.

Und jedes Mal, wenn rechts außen Platz zu schaffen ist für eine neue Partei oder eine neue Bewegung, werden die desavouierten Nazis nach links abgeschoben. Wenn man dazu Bismarck und Hitler zu Sozialdemokraten machen muss, Aly kann sogar das: „Wer den deutschen Mieter- und Kündigungsschutz, das Kindergeld, die Krankenversicherung für Rentner oder den Naturschutz für fortschrittlich hält, sollte bedenken, dass die Gesetze 1934, 1937, 1941 und 1938 erlassen oder in ihrer Schutzfunktion erheblich gestärkt wurden.“ Man solle „nicht länger auf Großbanken und Konzerne starren“ schrieb er bereits 2006 im „Spiegel“, wenn man die verbrecherische Dynamik des „Nationalsozialismus“ verstehen wolle. Damals, als die Entschädigung für ehemalige Zwangsarbeiter „eines der großen Themen war“, erläuterte er der „Welt“: Ihn störe daran „das einseitige Abschieben der Schuld auf die deutsche Industrie, auf Banken, Lebensversicherungen usw.“ Und legte das Geständnis ab: „Ja, da bin ich bei Nolte, was die Großperspektive angeht.“ Bei jenem Nolte, für den nicht Hitler, sondern Stalin Auschwitz geschaffen hat. Dass es jetzt Kains Neid war, kann da auch nicht mehr überraschen.

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