Ausgabe Oktober 2012

Fetisch Selbstbestimmung

PID bis Demenz: Erkundungen im biopolitischen Feld

Ein kleiner Zipfel Haut hat vor drei Monaten in der Republik ein regelrechtes diskursives Erdbeben ausgelöst. Keine Entscheidung in bioethischen Fragen hat so viel Unruhe provoziert wie das Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung. Im Kern geht es um die Gewichtung zweier Grundrechte: das Recht auf freie Religionsausübung der Eltern und das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes. Das Gericht hat dabei das Selbstbestimmungsrecht des Kindes höher gewertet als das Recht der Eltern, ihre Kinder in ihrem Glauben zu erziehen.[1]

Auch in vielen anderen Zusammenhängen ist Selbstbestimmung mittlerweile zu einem zentralen Leitbegriff in der diskursiven Kampfzone avanciert. Wer Selbstbestimmung einklagt, weiß das aufgeklärte Publikum zumeist auf seiner Seite; wer Entscheidungsrechte beschneiden will, macht sich der Bevormundung verdächtig.

Längst sind die Zeiten vorbei, als Frauen noch misstrauisch beäugt wurden, wenn sie für das Recht auf Abtreibung auf die Straße gingen und auf diese Weise die Unverfügbarkeit ihres Körpers reklamierten. Heutzutage trifft auf offene Ohren, wer darauf beharrt, selbst über sich, seinen Körper, sein Schicksal bestimmen zu wollen: Das gilt für Frauen ebenso wie für geschlechtlich nichtnormierte Menschen, für Menschen mit Behinderungen, Heiratswillige, halbwüchsige Scheidungskinder oder sterbenskranke Menschen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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