Ausgabe Oktober 2012

Fetisch Selbstbestimmung

PID bis Demenz: Erkundungen im biopolitischen Feld

Ein kleiner Zipfel Haut hat vor drei Monaten in der Republik ein regelrechtes diskursives Erdbeben ausgelöst. Keine Entscheidung in bioethischen Fragen hat so viel Unruhe provoziert wie das Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung. Im Kern geht es um die Gewichtung zweier Grundrechte: das Recht auf freie Religionsausübung der Eltern und das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes. Das Gericht hat dabei das Selbstbestimmungsrecht des Kindes höher gewertet als das Recht der Eltern, ihre Kinder in ihrem Glauben zu erziehen.[1]

Auch in vielen anderen Zusammenhängen ist Selbstbestimmung mittlerweile zu einem zentralen Leitbegriff in der diskursiven Kampfzone avanciert. Wer Selbstbestimmung einklagt, weiß das aufgeklärte Publikum zumeist auf seiner Seite; wer Entscheidungsrechte beschneiden will, macht sich der Bevormundung verdächtig.

Längst sind die Zeiten vorbei, als Frauen noch misstrauisch beäugt wurden, wenn sie für das Recht auf Abtreibung auf die Straße gingen und auf diese Weise die Unverfügbarkeit ihres Körpers reklamierten. Heutzutage trifft auf offene Ohren, wer darauf beharrt, selbst über sich, seinen Körper, sein Schicksal bestimmen zu wollen: Das gilt für Frauen ebenso wie für geschlechtlich nichtnormierte Menschen, für Menschen mit Behinderungen, Heiratswillige, halbwüchsige Scheidungskinder oder sterbenskranke Menschen.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (9.50€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Die Wehrpflicht gleicher Bürger

von Sven Altenburger

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat in Deutschland eine intensive Debatte über die Notwendigkeit einer Wehrpflicht ausgelöst. Dabei werden die ideengeschichtlichen Grundlagen der Wehrpflicht von ihren Gegnern regelmäßig verkannt, nämlich Republikanismus und Egalitarismus.

Frieden durch Recht

von Cinzia Sciuto

Am Anfang stand der 11. September 2001. Danach wurde die Lawine losgetreten: Ein langsamer, aber unaufhaltsamer Erdrutsch erfasste die internationale rechtliche und politische Ordnung. Ein Erdrutsch, der nach und nach die supranationalen Institutionen und die stets fragile, aber nie völlig illusorische Utopie einer friedlichen und auf dem Recht basierenden Weltordnung tief erschüttert hat