Ausgabe März 2013

Das böse Erwachen: Aufstieg und Fall der Mittelschicht

Jeder Möchtegern-Populist gibt heute vor, die „Mittelschicht“ zu verteidigen. Dabei herrscht keinerlei Einvernehmen darüber, was der Begriff überhaupt bedeutet.

Schauen wir nur auf die letzten Jahre: Da wurde die middle class in den Vereinigten Staaten abwechselnd so definiert, als sei buchstäblich jede und jeder gemeint – oder aber „jedermann“ abzüglich der 15 Prozent, die unter der offiziellen Armutsgrenze leben, oder aber umgekehrt abzüglich der allerreichsten Amerikaner. Das Department of Commerce verzichtet inzwischen sogar ganz auf einkommensbezogene Definitionsversuche. 2010 verkündete es in einem Report, middle-class families seien „eher durch ihren Erwartungshorizont als durch ihr Einkommen“ geprägt: „Mittelschichtfamilien erstreben ein Eigenheim, ein Auto, Hochschulausbildung für ihre Kinder, gesicherte Gesundheits- und Altersversorgung sowie gelegentliche Familienurlaube“[1] – eine Definition also, die so gut wie niemanden ausschließt.

Die Denunziation des Klassenbegriffs

Doch nicht nur der Begriff der middle class, schon der Klassenbegriff als solcher wirft Probleme auf – besonders in Amerika, wo jeder Hinweis auf die unterschiedlichen Interessen unterschiedlicher Beschäftigten- und Einkommensgruppen damit rechnen muss, als Klassenkampf oder class warfare denunziert zu werden.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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